Heiner Michael Becker - Gedenkseite

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Der Historiker und Anarchismusforscher Heiner M. Becker (1951-2017)

Heiner Michael Becker ist tot

Am 4. April 2017 ist unser Freund und Weggefährte Heiner Michael Becker, geb. am 15. Juli 1951, im Alter von 65 Jahren unerwartet an den Folgen einer Hirnblutung gestorben.

Heiner Michael Becker hat seit Ende der 1970er Jahre als Historiker, Sammler und Archivar sowie als Mitarbeiter des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam sich intensiv mit der Geschichte des internationalen Anarchismus und verwandter libertärer Bewegungen beschäftigt. Später hat er auch als Publizist und als Verleger des von ihm gegründeten und betriebenen Verlages "Bibliothek Thélème" zahlreiche Forschungs- und Publikationsvorhaben zur Historiographie des internationalen Anarchismus initiiert und unterstützt.

Sein Tod ist ein großer Verlust für die internationale Anarchismusforschung.

Wer seine Erinnerungen an Heiner M. Becker mit uns teilen möchte, kann sie auf der Diskussions-Seite veröffentlichen. Wir übernehmen dann die Texte hier auf die Heiner Michael Becker - Gedenkseite.

Falls jemand Probleme mit dem Schreiben auf der Diskussions-Seite haben sollte, der kann uns seinen Text und gerne auch Fotos zur Veröffentlichung auf der Gedenkseite per E-Mail schicken an: redaktion@dadaweb.de.

Jochen Schmück
Redaktion DadAWeb.de


Reaktionen, Nachrufe und Erinnerungen

Heiner Becker (15.7.1951 – 4.4.2017). Von Jochen Knoblauch

Die Nachricht vom Tod Heiner Beckers kam überraschend, so, wie letzter Zeit sich solche Meldungen häufen. Die Reihen der Nachkriegskinder lichten sich.

Wenn in der libertären Szene die Rede auf Heiner Becker kommt, dann kommen ziemlich unterschiedliche Meinungen zu Tage. Die „Szene“, wer oder was immer das sein mag, spielt hier aus meiner subjektiven Sicht heraus, keine rühmliche Rolle. Schon aus dem Grund, weil Heiner der Szene nicht angehörte, er war Historiker, der sich mit Anarchismus und einigen seiner Protagonisten beschäftigte, aber in wie weit er sich selbst etwa als Anarchist bezeichnen würde, kann ich nicht sagen. Die Szene selbst hat sich dahingehend unrühmlich verhalten, dass sie den geringsten Nenner des Anarchismus – Respekt und einen menschlichen Umgang miteinander – nicht einzuhalten vermochte.

Ich selbst habe Heiner nicht gut gekannt. Wir haben uns zwei, drei Mal getroffen, ein paar Mal korrespondiert. Sein Ruf, ein enormes Wissen zu haben ging ihm Voraus. Seine Projekte waren vielfältig und meist recht umfangreich. Wie Akademiker eben manchmal so sind: mit einem hohen Anspruch an die Genauigkeit von Fakten und der Unbehagtheit bei Fällen wider der eigenen Erkenntnis. So hat Heiner das eine oder andere Projekt zum Erliegen gebracht, weil nach seiner Meinung etwa in einem Buch falsche Fakten genannt wurden. Auf der anderen Seite war es ihm aber auch nicht immer möglich, diese eben mal so zu belegen. Es war nicht immer so, dass Heiner mit Informationen hinter dem Berg hielt, vielmehr sah er seine Erkenntnisse nicht immer zur Genüge belegt und/oder abgesichert. Es war ihm zuwider Halbwahrheiten zu publizieren.

Die 1993 von Heiner Becker herausgegebenen Erinnerungen von Fermin Rocker, dem Sohn Rudolf Rockers.

Während so einige GenossInnen ihn verfluchten, kann ich eigentlich nur Positives über ihn berichten. Er schenkte mir einiges an Material, wie etwa Originale von individual-anarchistischen Zeitschriften aus Frankreich aus dem 19. Jahrhundert, oder ein Plakat, oder eine Original-Graphik von Fermin Rocker, die seinen Vater Rudolf Rocker darstellte und als Beigabe der Vorzugsausgabe zu dessen Buch „East End: Eine Kindheit in London“ war, dass er 1993 in seinem eigenen Verlag Bibliothek Thélème herausbrachte und übersetzt hat. Und auch im „großen Streit“ um die Publikationsrechte etwa an den Schriften von Max Nettlau und Rudolf Rocker ging es Heiner weniger darum die absolute Kontrolle zu haben, als vielmehr – ganz einfach – gefragt zu werden. Ich hatte ihn gefragt, die Rocker-Broschüre über Heinrich Heine nachdrucken zu dürfen und es war absolut kein Problem für ihn (die erschien dann bei der edition anares in der Schweiz). Wenn andere hier Probleme hatten, dann wohl eher auf der Basis der Nichtkommunikation. Der Umgang war, für mich als Anarchisten, mitunter beschämend.

Heiner war ein Vermittler zwischen den großen europäischen Ländern England, Frankreich und Deutschland und dessen Erbe der anarchistischen Traditionen. Er selbst publizierte in drei Sprachen und hat sicherlich viel dazu beigetragen das Wissen zu vermehren. „Geld gemacht“ hat er damit sicherlich nicht. Und das betrifft sowohl seinen eigenen Verlag, der wohl eher ein Zuschussgeschäft war, als auch die die Verlage, in denen er publizierte, die selten Honorare zahlten. Heiner war niemand der sich bereichert hat, und schon gar nicht am anarchistischen Erbe (dies zeigt auch ein Blick auf seine Publikationsliste).

Ich jedenfalls werde Heiner Becker in guter Erinnerung behalten, und finde es schade, dass unser Austausch letztlich doch so beschränkt war. Uns nützen wenig die ganzen Online-Archive etc. wenn es keine Menschen mehr gibt, die auch darüber zu berichten wissen, die dies mit Enthusiasmus und Liebe erarbeitet haben. Danke Heiner.

Jochen Knoblauch,
Berlin, den 11.4.2017


Salut libertaire. De Jean-Jacques Gandini

Chers compagnes et compagnons, cher-e-s ami-e-s

J'apprends par Marianne Enckell, membre comme moi entre autres du collectif de la revue REFRACTIONS, le décès soudain d'Heiner que j'ai eu le plaisir de rencontrer il y a bien longtemps déjà de cela. C'est effectivement une perte pour le mouvement anarchiste international et je m'associe à la peine de ses proches.

Salut libertaire
Jean-Jacques Gandini, 12.04.2017


In Memoriam Heiner Becker. Von Jochen Schmück

Die erste Ausgabe der als "Internationale Anarchistische Vierteljahresschrift" 1980 erschienenen anarchistischen Zeitschrift "Galgenvogel", an deren Erscheinen Heiner Becker einen maßgeblichen Anteil gehabt hat.

Ich habe Heiner Becker Ende der 1970er / Anfang der 1980er Jahre kennengelernt. Meiner Erinnerung nach traf ich ihn das erste Mal auf einer der damaligen Gegenbuchmessen, die von der Arbeitsgemeinschaft alternativer Verlage und Autoren (AGAV) als eine Gegenveranstaltung zur kommerziellen Frankfurter Buchmesse seit 1978 einige Male in der Messestadt abgehalten wurde. Heiner unterstützte damals den Frankfurter Verlag „Die Freie Gesellschaft“ bei der Herausgabe der im Untertitel als „Internationale Anarchistische Vierteljahresschrift“ firmierenden Zeitschrift „Galgenvogel“. Ich erlebte Heiner damals als einen eher stillen, unaufdringlichen Menschen, der mich mit seinen fundierten Kenntnissen der Geschichte des internationalen Anarchismus stark beeindruckte.

Heiner hatte ebenso wie ich in den 1970er Jahren enge Kontakte zur anarchistischen Bewegung in England, speziell in London, unterhalten. Die war – wie das für die anarchistische Bewegung nicht nur in England typisch war und ist – gespalten. In London teilte sich die anarchistische Szene in die Anhänger der Zeitschrift „Freedom“ und in die Anhänger der Zeitschrift „Black Flag“. Während „Freedom“ einen eher pazifistisch-pragmatischen Anarchismus propagierte, vertrat „Black Flag“ einen revolutionären klassenkämpferischen Anarchismus. Heiner unterhielt eher engere Kontakte zur Freedom-Gruppe, während ich mich in der „Black Flag“-Gruppe (um Albert Meltzer, Stuart Christie und Miguel Garcia) engagierte, die über das von ihr gegründete Black Cross, einer internationalen anarchistischen Hilfsorganisation, anarchistische Gefangene auf der ganzen Welt unterstützte. Heiner und ich sind uns zu unserer Londoner Zeit nie über den Weg gelaufen, aber wir haben uns später immer wieder über unsere Zeit in London und unsere Kontakte zu den dortigen Repräsentanten und Aktivisten der anarchistischen Bewegung ausgetauscht.

Intensiver habe ich Heiner Becker erst bei der Arbeit an meiner 1986 abgeschlossenen Magisterarbeit über den deutschsprachigen Anarchismus und seine Presse kennengelernt. Heiner Becker hatte sich zu dieser Zeit bereits einen Namen als einer der besten Kenner der für die Historiographie des Anarchismus wichtigen Archive und Bibliotheken gemacht, und ich habe von seinen Tipps und Empfehlungen bei meinen Recherchen zum Thema meiner Magisterarbeit außerordentlich profitiert. Wer Heiner von der Ernsthaftigkeit seines Forschungsprojektes überzeugen konnte, der fand in ihm einen stets hilfsbereiten Unterstützer. Und so finden sich in den seriösen Werken der neueren Anarchismusforschung immer wieder Danksagungen an Heiner Becker, so wie etwa die von Dittmar Dahlmann, der im Vorwort zu seinem 1986 erschienen Werk „Land und Freiheit. Machnovščina und Zapatismo als Beispiele agrarrevolutionärer Bewegungen“ schreibt: „Heiner M. Becker war eine nie versiegende Quelle für die Geschichte des Anarchismus und schwer zugängliches Material.“

Der 3. Band der von Heiner Becker herausgegebenen und mit Einleitungen, Errata und Registern versehenen Neuausgabe der "Geschichte der Anarchie" von Max Nettlau.