Christian Sigrist - Gedenkseite

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Christian Sigrist als Redner bei der Einweihung der Paul-Wulf-Skulptur "Münsters Geschichte von unten" am 5.9.2010 in Münster. Foto: Volker Pade (Freundeskreis Paul Wulf)

Christian Sigrist ist tot

Am 14. Februar 2015 ist in Münster der libertär-marxistische Ethnologe und Soziologe Christian Sigrist gestorben.

Christian Sigrist (geb. am 25. März 1935 in St. Blasien) promovierte 1965 mit einer Studie über Segmentäre Gesellschaften in Afrika und unternahm in der Folgezeit Feldforschungen in Afghanistan und Guiné-Bissau. Sigrists Forschung konzentrierte sich auf die Gebiete: Theorie der Übergangsgesellschaften, Befreiungsbewegungen, Agrar-, Rechts-, Entwicklungssoziologie, Anthropologie. Er veröffentlichte darüber hinaus zahlreichen Artikel und Reportagen zu Problemen der Dritten Welt.

Bekannt wurde Sigrist vor allem durch seine Studie "Regulierte Anarchie. Untersuchungen zum Fehlen und zur Entstehung politischer Herrschaft in segmentären Gesellschaften Afrikas", mit der er maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die deutschsprachigen Anthropologie und Ethnologie in den 1960er und 1970er Jahren den Anschluss an die libertäre Schule der angloamerikanischen Social Anthropology gefunden hat.

Seit 1971 war Sigrist bis zu seiner Emeretierung im Jahr 2000 als Professor für Soziologie an der Universität in Münster tätig. Ab 1978 war er zudem als agrarsoziologischer Berater des kapverdischen Ministers für ländliche Entwicklung aktiv.

Wer seine Erinnerungen an Christian Sigrist mit uns teilen möchte, kann sie auf der Diskussions-Seite veröffentlichen. Wir übernehmen dann die Texte hier auf die Christian-Sigrist-Gedenkseite.

Falls jemand Probleme mit dem Schreiben auf der Diskussions-Seite haben sollte, der kann uns seinen Text und gerne auch Fotos zur Veröffentlichung auf der Gedenkseite per E-Mail schicken an: redaktion@dadaweb.de.

Jochen Schmück
Redaktion DadAWeb.de



Einladung zur Christian Sigrist-Gedenkveranstaltung

Liebe Freundinnen, Freunde und Weggefährten von Christian Sigrist,

hiermit lade ich Euch ganz herzlich zur Christian Sigrist-Gedenkveranstaltung ein. Die Feier findet am 15. Juni ab 18 Uhr in der Brücke (Wilmergasse, Münster) statt. Es würde mich sehr freuen, wenn Ihr kommt und Eure Erinnerungen an Christian mit uns teilt.

Damit ich einschätzen kann, wieviele Menschen ungefähr kommen, teilt mir bitte mit, ob Ihr teilnehmen wollt. Wenn Ihr einen Redebeitrag halten möchtet, teilt mir das bitte ebenfalls mit, damit ich das bei der Planung der Feier berücksichtigen kann.

Für den musikalischen Teil der Veranstaltung werden Nils Zurawski und Reinald Döbel sorgen, wie schon bei der sehr bewegenden Gedenkfeier für Ute Sigrist 2014.

Bis jetzt sind schon Nachrufe in der "jungen Welt", im "Freitag" und auf "iley" erschienen. Wolf-Dieter Narrs Nachruf auf Christian erscheint voraussichtlich im "Argument". Ich werde für die Graswurzelrevolution Nr. 398 einen Nachruf schreiben.

Es wäre schön, wenn Ihr Eure Nachrufe auf Christian, sowie Fotos und Erinnerungen an Jochen Schmück mailt, damit er die Texte und Bilder mit Quellenangabe [hier] auf der Gedenkseite veröffentlichen kann: [mailto: redaktion@dadaweb.de redaktion@dadaweb.de]

Christian wird am 16. April um 14 Uhr in Heidelberg beerdigt. Die Beerdigung wird auf Wunsch der Familie Sigrist im kleinen Kreis stattfinden.

Wir werden Christian nicht vergessen.

Alles Liebe,
Bernd Drücke
Redaktion Graswurzelrevolution
Münster, 3. März 2015

Die Gedenkfeier für Christian Sigrist am 3. Juni 2015 in Münster (Tonmitschnitt)



Laufzeit: 120:12 min | © by Bernd Drücke, Münster 2015.




Erinnerungen an einen "Empörten". Von Robert Krieg

Robert Krieg als Redner auf der Christian-Sigrist-Gedenkfeier am 15.6.2015 in Münster. Foto: Volker Pade.

Im Wintersemester 1972/73 begann ich bei Christian Sigrist Soziologie zu studieren. Er bot ein Seminar mit dem Titel "Aktuelle Probleme der Anthropologie" an. Christian verband Soziologie mit der Ethnologie und den Entwicklungen in der sogenannten 3. Welt einschließlich des politischen Widerstands gegen koloniale Strukturen. Wir waren vom Vietnam-Krieg und den Kämpfen auf der südlichen Erdhalbkugel geprägt. Wir lasen Frantz Fanon und Juan Bosch. Wir hatten eine ungefähre Ahnung von den Auswüchsen der imperialistischen Politik des Nordens, vom militärisch-industriellen Komplex, von den Interessen mächtiger Unternehmen und ihren Verflechtungen mit Politik, Militär und Staat.

Wollten wir die Ursachen für Unterentwicklung besser verstehen lernen, mussten wir mehr über die Entwicklung der Gesellschaftsstrukturen in Afrika, Asien und Lateinamerika erfahren. Nur so konnten wir begreifen, warum sie das Opfer imperialistischer Gewalt wurden.

Unser Arbeitspapier hieß: "Die Bedeutung der Anthropologie für die Theorie der Klassiker des Marxismus". Ich habe es heute noch. Ich weiß die Bewertung nicht mehr, aber es war ordentlich abgefasst und hatte keine sprachlichen oder orthographischen Schnitzer, Kriterien, die Christian durchaus anzulegen wusste und ihm mitunter den Vorwurf bürgerlicher Arroganz einbrachten. Bei Christian habe ich das kritische Studium der Schriften von Marx gelernt und seine Bezüge zur Anthropologie. In seinem Spätwerk stellte Marx sich die Frage, ob der menschliche Fortschritt tatsächlich in erster Linie von der Entwicklung der Produktivkräfte abhängt. Diese scheinbar unumstößliche Doktrin bildete die gemeinsame Grundlage für die beiden um Vorherrschaft ringenden Ideologien des 20. Jahrhunderts. Spätestens im 21. Jahrhundert bekommen vor allem die Länder des Südens ihre verhängnisvollen Konsequenzen zu spüren.

Meine spätere Entscheidung, den Dokumentarfilm zu meinem wichtigsten Berufsfeld zu machen, hat Christian nie gebilligt. Das "Filme machen" ist keine wissenschaftliche Disziplin. Er hat sich nicht ernsthaft mit unseren Filmen auseinander gesetzt, selbst mit den sehr politischen nicht, obwohl sie häufig wie zum Beispiel unsere Trilogie über den Nahost-Konflikt einen direkten Bezug zu Christians Forschungsschwerpunkten hatten. Ich habe es versäumt, Christian zu verdeutlichen, wie sehr mir das Studium der Soziologie beim dokumentarischen Filmemachen geholfen hat.

Den größten Schrecken jagte ich ihm wohl Anfang der 80er Jahre mit einer Schlagzeile in der Münsterschen Zeitung ein: "Hirsebrei statt Soziologie: Ein Akademiker versucht's..." Wenigstens war es nahöstlich, aber leider auch wieder sehr schnell pleite. Der türkische Freund, dem ich durch mein Mitwirken die Konzession verschafft hatte, ein ehemaliger Marineoffizier, der nach dem Putsch linker Offiziere Anfang der 70er Jahre aus der Türkei flüchten musste, war ein fantastischer Koch aber kein Geschäftsmann.

Ansonsten hatten Christian und ich viel Spaß miteinander. Wir haben häufig Tischtennis gespielt und er freute sich wie ein Kind über jedes gewonnene Match. Als wir einmal über die Salzstraße - eine der gutbürgerlichen Einkaufszeilen Münsters - bummelten, übertrafen wir uns gegenseitig in der Vortäuschung von Macken mit Zuckungen im Gesicht und Körperverrenkungen. Wir lachten uns halb kaputt über die Reaktionen der indignierten Damen und Herren. Heute würde ich das weniger spaßig finden. Unsere Sensibilität gegenüber Behinderten tendierte in diesem Augenblick gegen Null, obwohl wir uns zur gleichen Zeit mit Prozessen politischer und sozialer Marginalisierung beschäftigten. Heute steht am anderen Ende der Salzstraße eine Skulptur, die an Paul Wulf erinnert, der als Jugendlicher während der Nazi-Herrschaft zwangssterilisiert wurde und nur knapp seiner Ermordung entgangen ist. Er war uns beiden ein wahrer Freund.

In den 70er Jahren war ich oft mit Christian unterwegs, denn wir hatten gemeinsam mit anderen Münsteraner/innen 1973 eins von dreizehn Komitees gegen Isolationshaft gegründet. Auslöser waren die Haftbedingungen von Astrid Proll und Ulrike Meinhof: Ihre soziale, akustische und visuelle Isolation, die auch als "weiße Folter" bezeichnet wurde, da sie keine körperlichen Spuren hinterließ. Das bedeutete unter anderem: Tägliche Zellenkontrolle und tägliche Leibesvisitation am nackten Körper, 24stündige Beleuchtung der Zelle und viertelstündliche Beobachtung durch das Guckloch. Vor dem Freigang wurden sämtliche benachbarten Zellen geräumt, um jegliche Kontaktaufnahme mit Mitgefangenen zu unterbinden. Das Gleiche geschah beim Duschen.

Die Komitees hatten prominente Unterstützer/innen: die Filmemacher Alexander Kluge, Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta, die Schriftsteller Heinrich Böll und Günter Wallraff, die Theologin Dorothee Sölle, der Philosoph Prof. Ernst Bloch und der Rechtswissenschaftler Prof. Uwe Wesel. Ein derartiges Komitee in der bischöflichen Stadt war für die Münsteraner Pfahl-Bürger unerträglich und für die radikale Linke in Berlin, Hamburg oder Frankfurt nahezu unvorstellbar.

Es gab uns aber. Wir waren beim ersten gemeinsamen Treffen der Komitees in Frankfurt dabei. Auf der Hinfahrt habe ich den Citroen DS 21 von Ute und Christian gefahren. Christian hatte noch keinen Führerschein. Den machte er später auf den Kapverden. Mit großem Vergnügen erzählte er im engeren Freundeskreis die Geschichte seines Führerscheinerwerbs. Er hatte keine Lust, durch die Mühle einer deutschen Fahrschule gedreht zu werden und womöglich bei der Fahrprüfung durchzufallen. Auf den Kapverden hatte nur die Straße zum Flughafen einen Bordstein, an dem Christian das Einparken üben musste und dabei mehrmals eine Hausmauer schrammte. Er freute sich diebisch, als sein Führerschein nach einigen Umwegen von den deutschen Behörden anerkannt wurde. Christian konnte sich mit mir stundenlang über die Vorzüge seines französischen Autos unterhalten. Christian und Autos, für andere wohl eher eine unbekannte Seite von ihm.

Christian war neben dem holländischen Psychiater Sjef Teuns, der über die psychischen Folgen der Isolationshaft sprach, und dem unverwüstlichen IG Metaller und KZ-Überlebenden Heinz Brand einer der drei Haupt-Redner in Frankfurt. Er wies auf die Kontinuitäten zwischen der Nazi-Justiz und der bundesdeutschen Nachkriegsjustiz hin. Diese These, die damals noch große Empörung auslöste, wurde später durch ausführliche Forschung belegt. Er ordnete den Umgang des westdeutschen Staates mit der Roten Armee Fraktion (RAF) ein in eine weltweite, US-geführte Repressionsstrategie gegen die Aufstände in der Peripherie. Die RAF verstand sich als Teil des antikolonialen und antiimperialistischen Kampfs. Dieser Hybris sind viele Menschen zum Opfer gefallen. Auch wenn Christian zum Teil mit der politischen Analyse der RAF übereinstimmte, machte er sich nie zu ihrem Propagandisten. Nicht nur die Konservativen denunzierten ihn als Sympathisanten: Als wir nach der Veranstaltung in Frankfurt nachts im Frankfurter Westend auf der Suche nach einem noch geöffneten "linken Griechen" unterwegs waren, verstellten uns plötzlich Daniel Cohn-Bendit und weitere Anhänger der Gruppe "Revolutionärer Kampf" den Weg. Sie hatten schon während der Veranstaltung die drei Redner heftig wegen ihrer angeblichen Parteinahme für die RAF angegriffen. Nach einem kurzen Wortgefecht ließen sie uns weiterziehen.

Christian sah die Menschenwürde der Gefangenen bedroht, auf die jeder Mensch ein Anrecht hat. Das trieb ihn, der einen jüdischen Großvater hatte, an. Christian war ein profunder Analytiker und im besten Sinn ein Empörter, ein "Indignado". Bei ihm habe ich politisches Engagement gelernt.

Das hat gekostet. Offene Observation, Telefonüberwachung. Wenn ich mit dem Fahrrad zu ihm nach Hause fuhr - ich wohnte damals in der Kronenburg, einem linken Stadtteilprojekt - verfolgte mich in kurzem Abstand ein Streifenwagen. Christian und Ute waren überzeugt, dass ihr Haus komplett verwanzt war. Es gab auch einige Anzeichen dafür. Deshalb zogen wir es vor, unsere Gespräche draußen am nahe gelegenen Dortmund-Ems-Kanal zu führen. Als Walter Mossmann, den wir zu einem Konzert in die Kronenburg eingeladen hatten, gemeinsam mit mir seinen Freund aus Freiburger Tagen besuchte, traute er seinen Augen nicht, als uns ein ungetarnter Polizeiwagen sogar bei unserem Spaziergang am Kanal begleitete.

Ich hatte Alpträume. Ich habe keine Ahnung, ob auch Christian darunter litt. Darüber haben wir nie gesprochen. Nach der Ermordung von Generalbundesanwalt Buback stand ohne Vorankündigung frühmorgens die Polizei in seinem Schlafzimmer. Christian hatte am Telefon häufig die Insel Bubaque im Zusammenhang mit seinem entwicklungs-soziologischen Projekt in Guinea Bissau erwähnt. Ich erhielt eines Tages eine Vorladung ins Polizeipräsidium, da man mich der Teilnahme an der Entführung von Peter Lorenz, einem Berliner CDU-Abgeordneten und Kandidaten für das Bürgermeisteramt, verdächtigte.

Bis zur Todesnacht in Stammheim engagierte sich Christian für die Rechte der politischen Gefangenen und ab 1975 im Internationalen Komitee zur Verteidigung politischer Gefangener in Westeuropa" auch international. Er reiste damals viel und hatte Auftritte u.a. in Mailand und Paris. Doch bereits ab 1975 verloren die dreizehn Komitees gegen Isolationshaft immer mehr ihre gemeinsame Basis. Das Kölner Komitee, das Christiane Ensslin, eine Schwester von Gudrun Ensslin, gemeinsam mit Günter Wallraff, Dorothee Sölle und Heinrich Böll gegründet hatte, wurde wegen der unmissverständlichen Distanzierung von dem Terror der RAF aus dem Kreis der Komitees herausgeworfen, und auch wir Münsteraner wollten uns nicht zum Propagandainstrument der RAF machen lassen. Wir stellten unsere Tätigkeit ein. Andere Komitees verkamen zum Rekrutierungsbüro für die 2. und 3. Generation der RAF.

Sein politisches Engagement hat Christian um ein Haar seine Professur gekostet. Am 18. Juni 1974 starb der Arbeiter und Gewerkschafter Günter Routhier an den Folgen einer Gehirnblutung, die er sich am 5. Juni durch einen Treppensturz während eines Polizeieinsatzes in einem Gericht zugezogen hatte. Günter Routhiers Sohn war Zeuge: ein Polizist hatte seinem Vater am oberen Treppenabsatz einen Schlag in den Rücken versetzt. Der Sohn schrie, sein Vater sei Bluter. Dessen ungeachtet brachten ihn die Polizisten im Mannschaftswagen auf dem Boden liegend zur Wache. Obwohl er bereits bewusstlos war, erhielt er keine medizinische Versorgung und wurde in eine Zelle gesteckt.

Günther Routhiers Tod löste eine große Welle der Empörung aus. In zahlreichen Reden und Veröffentlichungen war von Polizeimord die Rede. Polizei und Justiz reagierten mit etwa eintausend Strafverfahren wegen "Verunglimpfung des Staates". Christian nahm an einem dieser Prozesse teil und verteilte ein Flugblatt, in dem er den Tod von Günther Routhier als Polizeimord bezeichnete. Er wurde dafür 1978 verurteilt. Die Universität leitete ein Disziplinarverfahren ein. 1981 begann ein von Christian angestrengtes Berufungsverfahren. Endlich wurde durch die Aussagen eines Gutachters und des Sohns die Beteiligung der Polizisten am Tod Routhiers festgestellt. Das hinderte das Gericht nicht daran, Christian erneut wegen Verunglimpfung des Staates zu verurteilen. Allerdings konnte das Berufsverbot abgewendet werden. In den 70ern gab es häufiger Anlass in der BRD, von Mord durch die Polizei oder den Staat zu sprechen. Erich Fried hatte die Erschießung des Studenten Georg von Rauch als "Vorbeugemord" gebrandmarkt. Im Prozess bezeichnete Heinrich Böll als Sachverständiger den Ausdruck als angemessen für einen kritischen Schriftsteller. Fried wurde frei gesprochen.

Obwohl die Schnittmenge unserer politischen Aktivitäten ab den 80ern kontinuierlich abnahm, hielten wir Kontakt und tauschten uns regelmäßig aus. Als ich mit Freunden ein Grundstück bei Münster am Dortmund-Ems-Kanal pachtete, kam Christian häufig zu Besuch. Er wollte seine praktischen Erkenntnisse aus Afrika anwenden und mit uns einen experimentellen Nutzgarten anlegen. Daraus wurde letztendlich dann doch nichts. Wir bauten unser Gemüse ohne seine Beratung an.

Und wie so oft gab es Erbauliches: Christian war zu einem Vortrag in Rom eingeladen. Ich war zu der Zeit auch in der Nähe Roms, und wir verabredeten uns im berühmtesten Eissalon im Zentrum ganz in der Nähe des Pantheons. Christian trug einen eleganten weißen Sommeranzug und hätte in dieser Aufmachung ohne weiteres in einem Fellini-Film mitspielen können. Meine Haare waren noch blond und etwas länger. Christian beobachtete die Passanten und stieß mir plötzlich seinen Ellenbogen in die Rippen. "Die halten uns für ein schwules Pärchen!" Darüber konnte er sich ausschütten vor Lachen.

In den letzten Jahren wechselte monatelanges Schweigen mit Phasen ausufernder Telefongespräche ab. Christian monologisierte und setzte vieles voraus, das ich nicht wissen konnte. Ich unterbrach ihn nur selten und ließ ihn einfach reden. Das bedaure ich heute. Durch unseren langjährigen Kampf für die Anerkennung der Lebensleistung von Paul Wulf kam dann doch noch einmal zusammen, was zusammengehörte: Die gemeinsame Verteidigung des Rechts auf Menschenwürde. Christian hielt 2010 eine sehr persönliche Rede bei der Wieder-Einweihung der Paul-Wulf-Skulptur. Im Anschluss standen wir mit Bernd Drücke zusammen und Christian sagte plötzlich etwas, das ich nicht vergessen werde: Er freue sich darüber, dass wir seine Studenten gewesen sind.

Dr. Robert Krieg, Filmemacher und Autor




Freiheit in der Wissenschaft. Von Klaus Kraemer

Klaus Kraemer als Redner auf der Christian-Sigrist-Gedenkfeier. Foto: Volker Pade

Schriftliche Fassung der Rede anlässlich der Gedenkveranstaltung für Professor Christian Sigrist (1935 - 2015), "Die Brücke", Internationales Zentrum der Universität Münster, 15.6.2015


Ich möchte mit einem persönlichen Bekenntnis beginnen. Ich habe keine einzige Lehrveranstaltung von Christian Sigrist am Institut für Soziologie der Universität Münster besucht. Dies war nicht unbedingt beabsichtigt, wohl aber das Ergebnis einer Abfolge von flüchtigen Eindrücken, die ich als Student der Soziologie am Münsteraner Institut in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre gewonnen hatte.

Afrika und Guiné-Bissau lagen mir fern, ebenso die Agrarsoziologie oder erst recht die Paschtunen und die Stammesgesellschaften in Afghanistan mitsamt ihrem Ehren- und Rechtskodex. Durkheim erschien mir - damals im Studium - zwar nicht belanglos, aber kaum weiterführend, um Antworten auf meine Fragen an die Soziologie zu finden. Und was mir von anderen Studierenden zu Ohren kam, aus den Seminaren von Christian Sigrist, weckte bei mir keine besondere Neugierde. Natürlich war mir nicht der unkonventionelle Stil seiner Lehre entgangen. Erst recht nicht die herrschaftskritische Haltung eines Universitätslehrers, der zudem keine echte Gelegenheit ausließ, gegen das Establishment in Universität, Staat und Stadt zu opponieren.

Das war mir schon sympathisch. Aber in dem Maße, wie ich mich mit der Soziologie auseinandersetzte, kam ich doch immer mehr zu der Auffassung: Wenn man sich auf die Soziologie einlässt, vor allem auf eine Soziologie, die keine Scheu hat, Mehrheitserwartungen zu enttäuschen, und nicht davor zurückschreckt, die Gesellschaft, in der wir leben, ungeschminkt zu beschreiben, gerade auch abseits von populären Deutungen, dann sollte man doch, so meine damalige feste Überzeugung als Student der Soziologie, den Kontakt zur Außenwelt, zur Mehrheitsgesellschaft, ein klein wenig mehr pflegen.

Den ersten persönlichen Kontakt zu Christian Sigrist knüpfte ich 1990, sechs Jahre nach Beginn meines Studiums am Institut für Soziologie. Ich hatte gerade die Stelle einer "wissenschaftlichen Hilfskraft" im "Projektbüro" des IfS angetreten. Professor Sigrist lud mich zu einem gemeinsamen Mittagessen ins "Mövenpick" ein. Auf dem anschließenden, sehr ausgedehnten Spaziergang am Aasee, den ich partout nicht ablehnen konnte, sprachen wir lebhaft über drei Themen, die ich im Verlauf des Studiums am IfS, so kam es mir damals vor, vermisst hatte: eine gründliche Auseinandersetzung mit der Herrschaftssoziologie, eine kluge, kenntnisreiche Luhmann-Kritik und die rituelle Dimension des Sozialen. Vor allem Sigrists beharrliches Insistieren darauf, welche große Bedeutung dem Ritus für Prozesse der "Selbstorganisation" sozialer Gruppen, Organisationen oder Systeme zukomme, hatte es mir irgendwie angetan; übrigens ein soziologisches Thema, das nicht nur am Münsteraner IfS noch bis weit in die 1990er Jahre unterschätzt worden ist. Diese erste persönliche Begegnung nahm ich sodann zum Anlass, seine Dissertation "Regulierte Anarchie. Untersuchungen zum Fehlen und zur Entstehung politischer Herrschaft in segmentären Gesellschaften Afrikas" (1994) von 1969 gründlich zu lesen.

Die 1979 im Verlag Syndikat, Frankfurt, erschiene Ausgabe der "Regulierten Anarchie" von Christian Sigrist.