Lutz Schulenburg - Gedenkseite

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Der Verleger Lutz Schulenburg (1953-2013) auf der Frankfurter Buchmesse 2011. Foto von Ute Schendel.

Lutz Schulenburg ist tot

Am 1. Mai 2013 ist Lutz Schulenburg (geb. 21. April 1953), der Verleger der Edition Nautilus, im Alter von 60 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Die Autorinnen und Autoren des DadAWeb sowie des Lexikons der Anarchie trauern um einen Verleger, der sich mit seiner Arbeit große Verdienste um die libertäre Publizistik im deutschen Sprachraum erworben hat.

Wer seine Erinnerungen an Lutz Schulenburg mit uns teilen möchte, kann sie auf der Diskussions-Seite veröffentlichen. Wir übernehmen dann die Texte hier auf die Lutz-Schulenburg-Gedenkseite.

Falls jemand Probleme mit dem Schreiben auf der Diskussions-Seite haben sollte, der kann uns seinen Text und gerne auch Fotos zur Veröffentlichung auf der Gedenkseite per E-Mail schicken an: redaktion@dadaweb.de.

Jochen Schmück
Redaktion DadAWeb.de



Die letzte Ausgabe der von Lutz Schulenburg seit 1981 herausgegebenen politisch-literarischen Zeitschrift "Die Aktion".

Die letzte 'Die Aktion'.

Zum Gedenken an Lutz Schulenburg

Nach dem gänzlich unerwarteten Tod des Herausgebers der Zeitschrift, die seit 1981 erschienen ist, veröffentlicht die Edition Nautilus zum Gedenken an Lutz Schulenburg eine letzte Ausgabe mit Nachrufen und Würdigungen dieses unbeugsamen Verlegers und Freundes.

Mit Beiträgen von: Manfred Ach, Ingvar Ambjørnsen, Uli Becker, Wolfgang Bortlik, Robert Brack, Uta Brandes und Michael Erlhoff, Manfred Chobot, Martin Dieckmann, Franz Dobler, KP Flügel, Pierre Gallissaires, Tobias Gohlis, Annett Gröschner, Gerald Grüneklee, Egon Günther, Frank Horstmann, Peter Laudenbach, Andreas Löhrer, Sieglinde und Fritz Mierau, Hanna Mittelstädt, Rainer Nitsche, Karen Nölle, Roberto Orth, Jürgen Otte, Sabine Peters, Katharina Picandet, Thorwald Proll, Jorinde Reznikoff, Horst Rosenberger, Karl Heinz Roth, Jochen Schimmang, Jürgen Schneider, Hans Schulz, Corinna T. Sievers, Konrad Singer, Hajo Steinert, Ulf Tralau, Christoph Twickel, Matthias Wittekindt, Herbert Woyke

Zusammengestellt und herausgegeben von Hanna Mittelstädt.


Edition Nautilus trauert

um Verleger Lutz Schulenburg

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Freundinnen und Freunde der Edition Nautilus,

heute haben wir die traurige Nachricht zu überbringen, dass unser Verleger Lutz Schulenburg gestern, am 1. Mai 2013, nach kurzer schwerer Krankheit verstorben ist. Seit nahezu vierzig Jahren war Lutz Schulenburg als Verleger der Edition Nautilus eine feste, wenn auch subversive Größe in der Verlagswelt. Er wird fehlen.

Am 21. April 1953 in der Hamburger Vorstadt Bergedorf als zweites von drei Kindern geboren und in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, war er bereits mit 14 Jahren aktiv in der örtlichen sozialistischen Schüler- und APO-Gruppe. Die Schule brach er ab, ebenso eine Lehre als Dekorateur – doch seit der Lehrzeit ist er aktiv in der anarchistischen Bewegung, was ihm sogar einen Ausschluss aus der Gewerkschaft eintrug und ihn in der nach-68er-Zeit mit Pierre Gallissaires zusammenbrachte, mit dem er 1971 die anarchistische Theorie-Zeitschrift MAD (später umbenannt in Revolte!) gründete. Es folgte eine zweite, inoffizielle Lehrzeit, diesmal in Sachen Verlagsbuchhandel, beim Spartacus Buchvertrieb im Keller unter dem Abaton-Kino in Hamburg. 1972 begann das Trio Schulenburg, Gallissaires und Hanna Mittelstädt mit der Buchproduktion, am 1. April 1974 wurde ein Gewerbeschein beantragt für den MAD-Verlag, der 1976 aus juristischen Gründen in Edition Nautilus umbenannt wurde. Als Verleger bewies er immer wieder das richtige Gespür für Perlen im Büchermeer.

Traurig grüßt die Crew der Edition Nautilus

Hamburg, am 2. Mai 2013
Katharina Thiel
Presse und Öffentlichkeitsarbeit


Lutz Schulenburg - Ein Nachruf von Bernd Drücke

Der Hamburger Verleger und Anarchist Lutz Schulenburg ist am 1. Mai 2013 in der Reha gestorben, zehn Tage nach seinem 60. Geburtstag und sechs Wochen nachdem er während der Leipziger Buchmesse eine Hirnblutung erlitten hat. Die Nachricht von seinem Tod hat mich wie ein Blitz getroffen und traurig gemacht.


Lutz Schulenburg (geboren am 21. April 1953 - gestorben am 1. Mai 2013)

Lutz Schulenburg, Frankfurter Buchmesse, Oktober 2004. Foto: Bernd Drücke

Lutz war eine herausragende Persönlichkeit des Anarchismus in Deutschland.

Er wuchs als Arbeiterkind in Hamburg-Bergedorf auf. Als Jugendlicher brach er die Schule ab, ging auf Trebe, radikalisierte sich in der 68er-Bewegung und schloss sich als 15-Jähriger einer Anarchozelle in Hamburg an. Kurz darauf kam Hanna Mittelstädt dazu. Zwischen den beiden entwickelte sich eine große Liebe, die schließlich das ganze Leben hielt.

Diese Liebe gab Lutz Kraft und war mitverantwortlich für seine beeindruckende Produktivität. Bis heute haben die zahlreichen, von ihm verantworteten Publikationen nicht nur die kleine Minderheit der AnarchistInnen im deutschsprachigen Raum inspiriert. Ähnlich wie bei den anarchistischen Verleger-Liebespaaren Helga Weber und Wolfgang Zucht vom gewaltfrei-anarchistischen Verlag „Weber, Zucht und Co.“ und bei Bernd und Karin Kramer vom Berliner Karin Kramer Verlag , entstand aus der Liebesbeziehung des Hamburger Paares eine Vielzahl liebevoll gemachter und mitreißender Werke.

„Es fing sehr lustig an. Wir hatten Sehnsüchte und Fragen. Die mussten wir beantworten. Dazu, dachten wir, helfen uns auch bestimmte, ausgewählte internationale Texte, die wir verbreiten wollten. Wir hatten auch eigene Texte, wir wollten eingreifen. So hat alles angefangen. Eigentlich in gewisser Weise als Selbsthilfeprojekt. Da wir als Libertäre immer eine extreme Minderheitenposition innerhalb der Linken vertreten haben, war das nicht einfach“, so Lutz in einem Interview, das ich mit ihm und Hanna 2004 in Leipzig geführt habe.1

Ich gehöre zu den glücklichen Menschen, die alle Ausgaben der von Lutz herausgegebenen Anarchozeitungen gelesen haben. Anfang der 1990er Jahre hat er mir alle mir noch fehlenden Ausgaben von MAD, Revolte und Die Aktion in zwei Riesenpaketen geschickt, so dass ich sie im Rahmen meiner Dissertation über „Libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ analysieren konnte.2

Ab September 1971 hat Lutz die anarchistische MAD zunächst mit dem Untertitel „Materialien, Analysen, Dokumente“ herausgebracht, bis 1973 die gleichnamige MAD gerichtlich gegen MAD vorging.

Lutz: „Man konnte das natürlich auch als ‚Määd‘ aussprechen, also wie die satirische Zeitschrift. Es war ein sachlicher Titel und hatte Untertitel wie ‚Anarchistische Hefte‘. Mit diesem Zeitungsprojekt haben wir angefangen, und daraus hat sich dann der Verlag entwickelt. Eines Tages haben wir das verbotene Bommi-Baumann-Buch ‚Wie alles anfing‘ neu herausgegeben, gemeinsam mit 150 Verlagen, Buchhandlungen und namhaften Persönlichkeiten. Damals hat Otto Schily das noch verteidigt. Wir hatten mit unterschrieben. Dann hatte wahrscheinlich ein Geschäftspartner dieser ‚lustigen Zeitschrift‘ gesagt: ‚Ihr seid auch dafür, dass das Buch von Bommi Baumann wieder erscheint?‘ Dann sagten die: ‚Nein, nein, nein!‘ Die haben sofort eine einstweilige Verfügung gegen uns erwirkt, wegen Namensgleichheit und pipapo.“

Daraufhin ging der MAD-Verlag 1974 endgültig in der Edition Nautilus auf. Die Zeitschrift MAD wurde bereits 1973 in Revolte umbenannt.

1981 gründete Lutz Die Aktion als bis zuletzt unregelmäßig erscheinende „Zeitschrift für Politik, Literatur, Kunst“.

Lutz: „Wir sind mit den Produktionsmitteln gewachsen, mussten sie uns erobern. Das erste Heft der MAD, da war nur der Umschlag Offset, das andere haben wir noch abgenudelt. Wir haben also alle diese Stadien der Aneignung der Produktionsmittel und der Fähigkeiten durchgemacht, bis hin zur Umstellung auf Computer. Insofern sind wir mit den Mitteln gewachsen. Vieles hat sich dadurch verquickt. Deswegen sind wir leidenschaftliche Anhänger der Selbstorganisation. (...) Die erste Broschüre in der Reihe ‚Flugschriften‘ war eine Sammlung über den Betriebskampf mit vielen Stimmen aus Frankreich, England ... Das war eine Zusammenstellung, mit internationalem Blick, weil der Schwerpunkt der autonomen und radikalen Klassenkämpfe nicht in Deutschland lag. Sie hieß ‚Dranbleiben, einmal klappt’s bestimmt‘. Das sollte auch ein Beispiel dafür sein, welche Formen auf einer internationalen Ebene schon von der Klasse eingesetzt werden. Und das stand konfrontativ zu den Leuten, die sich heute in Regierung oder sonst wo rumtummeln, die doch eine andere Meinung hatten, wie der Arbeiterkampf, der Kampf der Jugend, oder anderer sozialer Schichten zu führen wären. Deswegen waren wir zwar nach allen Seiten hin offen, aber eingekesselt. Diesen Kessel Buntes gab es immer schon. (…) Da waren die Libertären immer ein störender Faktor. Im Rückblick muss man sagen, dass wir leider nicht fähig waren, eine dauerhafte Vermittlung unserer Vorstellungen zu organisieren. Wir dachten alle mehr oder weniger, es geht nur voran. Dass es auch zurück geht, hatten wir im Überschwang unserer Leidenschaften nicht beachtet. Es sind dann viele gegangen, und das hatte auch viel damit zu tun, dass die Erwartung vom stetigen Vorwärts stark verbreitet war. Da haben wir, als MAD-Kollektiv, einen vorsichtigeren, mittleren Kurs gefahren: Theorie ist wichtig, das Denken, das Wissen, die Erfahrungen müssen bewahrt und eingebracht werden.“

Mit Zeitschriften und Büchern wollte Lutz die Welt verändern. Und das ist ihm geglückt. Dabei war er erfrischend undogmatisch und verlegte keineswegs nur libertär-sozialistische Agitprop-Bücher.

Die eher „unpolitischen“ Nautilus-Bestseller „Tannöd“ und „Kalteis“ erreichten 2006 und 2007 Millionenauflagen und ermöglichten es der Edition Nautilus, ein eigenes, wunderschönes Verlagshaus in Hamburg zu kaufen. Dass diese beiden Krimis vom Fernseh- und Zeitungs-Feuilleton so gefeiert wurden, ist vielleicht eher Zufall. Meines Erachtens sind die Bücher von Andrea Maria Schenkel keineswegs die interessantesten aus dem Hause Edition Nautilus. Aber wie der 1985 erstmals erschienene Nautilus-Bestseller „Dinner for one“ haben sie geholfen die Existenz des Verlags zu sichern und andere Bücher gegenzufinanzieren.

Für mich gibt es wichtigere Nautilus-Bücher, auch wenn sie sich weit schlechter verkaufen. Um nur einige zu nennen: der Durruti-Wälzer von Abel Paz, Emma Goldmans „Gelebtes Leben“, Louis Mercier Vegas Erzählung „Reisende ohne Namen“ und David Graebers Standardwerk „Direkte Aktion“.

Glücklich bin ich, dass ich meinen Freund Horst Stowasser dazu bewegen konnte, sein lange vergriffenes „Freiheit pur“ zu aktualisieren, es zu ergänzen und dann als 500-Seiten-Wälzer 2006 in der Edition Nautilus zu veröffentlichen. „Anarchie“ ist nicht nur für mich eine der wichtigsten Schriften des 21. Jahrhunderts.

Zu den herausragenden Büchern der Edition Nautilus gehört auch „Das Leben ändern, die Welt verändern!“ Diese 480-seitige Sammlung von Dokumenten und Berichten zur 1968er-Revolte hat Lutz persönlich zusammengestellt und herausgegeben. Auf Einladung unserer „Bankrott“-Infoladengruppe hat er dieses Werk 1998 ebenso in der Baracke Münster vorgestellt wie die ebenfalls bei Nautilus erschienenen zapatistischen „Botschaften aus dem lakandonischen Urwald“ von Subcomandante Marcos.

Wenn ich in Hamburg auf Einladung von GenossInnen Vorträge gehalten habe oder auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt war, dann traf ich dort immer auch Lutz. Und das war eine besondere Freude. Denn viel öfter, als wir uns gesehen haben, haben wir telefoniert, in der Regel alle zwei, drei Wochen, seitdem ich im November 1998 meine Stelle als Koordinationsredakteur der Graswurzelrevolution angetreten habe.


„Was suchst du Ruhe, wenn du zur Unruhe geboren bist.“ (Thomas von Kempen, 1379-1471)

Lutz war ein begnadeter Verleger. Wenn er der Meinung war, dass Nautilus-Bücher in der GWR besprochen werden sollten, dann rief er mich an und brauchte nur wenige Sekunden, bis er mich so weit hatte, eine Besprechung für die GWR zu organisieren oder persönlich eine zu schreiben.

Letzteres war mit einem gewissen Risiko behaftet. Im Oktober 2001 hatte ich in den Libertären Buchseiten der GWR 262 das Nautilus-Buch „Die libertäre Revolution“ von Heleno Sana zerrissen. Das schmierte mir Lutz jahrelang bei jeder Gelegenheit aufs Butterbrot. Der Ärger über eine einzelne, kritische Rezension konnte ihn fast schon mehr wurmen, als ihn die unzähligen positiven Rezensionen von Nautilus-Büchern in der Graswurzelrevolution begeistern konnten.

Lutz war ein warmherziger und neugieriger Mensch mit Sinn für Ironie, Selbstironie und schwarz-roten Humor. Aber eben auch ein hanseatischer Sturkopf, ein Ruheloser, ein Getriebener. Unsere oft langen Telefongespräche vermisse ich. Sie waren in der Regel ein anregender Spaß, den wir uns immer wieder gerne gönnten.

Das anarchistische Prinzip der Gegenseitigen Hilfe war für Lutz keine Phrase. Er lebte und handelte solidarisch und verlor das Ziel einer herrschaftsfreien Gesellschaft nie aus den Augen. Lutz war ein Visionär. Als ich ihm sagte, dass die Graswurzelrevolution nach der Pleite der CARO-Druckerei am 1. Januar und dem Tod von Sigrid Brodrecht (GWR-Vertrieb) 5 am 10. Februar 2013 in eine finanzielle Krise zu rutschen droht, sagte er mir nicht nur zu, dass Nautilus fortan mehr Anzeigen in der GWR schalten wird.

Ihn hat immer gewurmt, dass seine Aktion trotz Vierfarbdruck, schöner Aufmachung und spannenden Inhalten nie die 1000er-Auflagen-Hürde übersprungen hat. Was liegt also näher, als „sein Kind“ der vergleichsweise auflagenstarken Graswurzelrevolution beizulegen? Anfang 2013 vereinbarten wir, dass Die Aktion ab der nächsten Ausgabe als bezahlte Beilage in der GWR liegen sollte.

Zur Verwirklichung dieses Vorhabens kam es dann aber nicht mehr, weil Lutz nach seiner Hirnblutung keine Aktion mehr machen konnte.


Das Grab von Lutz Schulenburg auf dem Hamburger Friedhof Diebsteich.