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==Beschreibung==
  
Maria Regina Jünemanns nach über achtzig Jahren erstmals wieder vorgelegter Sozialroman „Die Anarchistin“ spielt zeitlich vor dem Ersten Weltkrieg und reicht bis zur Revolution 1918/19. Das Buch lässt ein Milieu lebendig werden, dass im besonderem Maße an den ungerechten Verhältnissen des wilhelminischen Kaiserreichs mit den schlimmen Folgen des Ersten Weltkriegs und der Niederlage der Revolution 1918/19 zu leiden hatte.
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Werner Portmann will mit seinem Buch „Die wilden Schafe“ an zwei fast vergessene radikale jüdische Aktivisten und Theoretiker erinnern: Die Brüder Siegfried Shlomo Nacht, später Stephen Naft (1878-1956) und Max(imilian) Nacht, später Max Nomad (1881-1973). Sie entstammten einer wohlhabenden Familie aus dem ostgalizischen Buczacz und hatten in Galizien, in der Schweiz, in Frankreich, England und den USA ihre Hauptwirkungsfelder hatten. Mit dem vorliegenden Buch wird dokumentiert, wie entscheidend das jüdische Herkunftsmilieu und das jüdische soziale Umfeld ihr Leben und Wirken geprägt hat. Gemeinsam mit Emma Goldman, Milly Witkop-Rocker und anderen gehörten sie zur ersten Generation jüdischer AnarchistInnen, die für die produktive Begegnung zwischen Judentum und Anarchismus in Osteuropa verantwortlich zeichnet und diese Verbindung zwischen jüdischer Tradition und libertärer Utopie infolge millionenfacher Emigration nach Westeuropa, Palästina, Lateinamerika und in die USA transportiert hat. Ihre Texte, teilweise unter Pseudonym geschrieben, sind Bestandteil eines radikalen, gesellschaftskritischen Diskurses geblieben, der sich gegen jede Art von Herrschaft und Totalitarismus wendet. Der Diskurs, der anhand ihrer Schriften, z.B. über Formen der ‚Direkten Aktion‘, geführt wurde und wird, findet aber ohne Kenntnis der eigentlichen Geschichte und der biographischen Hintergründe der Verfasser statt. Denn bis heute sind ihre spannenden Lebensgeschichten nicht aufgearbeitet worden.  
  
Der Roman handelt von einer jungen Frau namens Irene aus proletarischem Milieu, dem sie zu entfliehen sucht. Sie stammt aus einer vielköpfigen Familie. Der Vater ist Bahnarbeiter. An ihre Kindheit hat sie nur schlechte Erinnerungen. Sie spricht von einer verprügelten, verhungerten Kindheit, „ein verlassenes, weltverlorenes armes Kind“. Fünfzehnjährig verdingt sie sich als ‚Laufmädchen’ in einem Modehaus und verkauft früh morgens am Bahnhof Zeitungen an ArbeiterInnen. Schließlich läuft sie von zu Hause weg und schlägt sich danach im Artistenmilieu als ‚Mädchen für alles’ durch. Doch auch jetzt fühlt sie sich vereinsamt und allein gelassen.
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Dabei wird dokumentiert, wie Siegfried Nacht im deutschen Sprachraum einen wesentlichen Beitrag leistete zur Bekanntmachung und Verbreitung des revolutionären Syndikalismus, inspiriert von der spanischen und französischen syndikalistischen ArbeiterInnenbewegung. Ebenso wird die damit verbundene antimilitaristische Propaganda in verschiedenen Ländern untersucht.
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Das Buch thematisiert Siegfried Nachts Freundschaft mit Rudolf Rocker und dessen Einfluss auf ihn. Ebenso seine Rolle im Leben und Werk von Max Nettlau, dem er - wie auch sein Bruder Max - wichtige existentielle Hilfe leistete. Daneben wird Max Nachts Mitwirken bei der Verbreitung anarchistischer Ideen in Galizien und seine zeitweilige Arbeit im russischen Untergrund beleuchtet. Weiter geht das Buch auf Max Nachts, in späten Jahren entwickelten, "skeptischen Anarchismus" ein, der sich aus den Ideen des polnisch-russischen Revolutionärs Jan Waclav Makhaïski speist. Noch immer könnte dieser "skeptische Anarchismus" ein wichtiger Diskussionsbeitrag für alle diejenigen sein, die nicht ausschließen, dass die AnarchistInnen von heute die ChefInnen von morgen sein könnten und für die es keine heiligen Kühe der Kritik und Selbstkritik gibt. Max Nachts manchmal polemische Beurteilung des Anarchismus, gehört trotz aller Überzeichnungen bis heute zum Besten, Ehrlichsten und Radikalsten, was gegen den Anarchismus geschrieben wurde und zeugt von einer gewissen Hassliebe von einem, der sich längst nicht mehr als Anarchist verstand, aber im Innersten nie die Hoffnung auf eine herrschaftslose Gesellschaft aufgegeben hat.
  
Sie beginnt zu lesen - Bücher, in denen die Besitzenden und Herrschenden des Betrugs angeklagt werden, Bücher über den Anarchismus. Sie holt ihre Schulausbildung nach. Da ihr das Lernen leicht fällt, besteht sie die Reifeprüfung mit Auszeichnung. Diesem Abschnitt des Romans, einer Schlüsselstelle, räumt die Autorin breiten Raum ein. Irene versucht herauszufinden, ob es möglich ist, Klassenunterschiede durch gegenseitige Zuneigung, Liebe und persönliche Freundschaft zu überwinden. Ihre Antwort lautet: Nein! So bleibt der eigenwilligen Protagonistin, über die gesagt wird, sie sei „ein schwieriger Charakter“, nur der Weg einer Revolutionärin. Da ihr bewusst wird, dass eine Aufhebung der Klassenunterschiede im Kapitalismus unmöglich ist, kämpft sie fortan für eine solidarische, gerechte und tatsächlich freie Gesellschaft gleicher Menschen: „Einmal nicht mehr mit dem demütigenden Gefühl dasitzen, einmal wirklich dazuzugehören, das Leben mitleben und nicht immer mit verlangenden Augen und leeren Händen am Straßenrand stehen, wo die goldenen Karossen und die lachenden Menschen vorbeifahren...
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Das Buch ist nicht zuletzt ein Versuch, sich den Beiden anhand ihrer jüdischen Identität oder Nicht-Identität zu nähern. Zweier Juden ohne Gott, die sich immer als Assimilisten betrachtet haben, die auf und in die jüdische Kultur keine große Hoffnung mehr setzten und trotzdem lebenslang im Disput mit dieser Kultur und ihren ExponentInnen standen und nie aufhörten, sich in ihrem Umfeld zu bewegen.
  
Irene politisiert und radikalisiert sich, gerät in Kontakt mit einer Gruppe revolutionärer Studierender und entwickelt sich so zu einer anarchistischen Sozialrevolutionärin. Ihr Kampf gilt nun dem militaristischen und obrigkeitlichen deutschen Kaiserreich, dessen Aufrüstung und konkrete Kriegsvorbereitungen zum Ersten Weltkrieg 1914 führen, den die Antimilitaristin Irene mit allen Mitteln verhindern will. Wegen des Verteilens von Flugblättern, die zum Widerstand gegen das ‚Völkermorden’ aufrufen, wird sie schließlich unter dem Vorwurf des Landesverrates inhaftiert und erst zu Beginn der Revolution 1918/19 aus dem Gefängnis befreit. Beglückt über die revolutionären Ereignisse, ist ihr „auf einmal leicht und glücklich zumute. Ein Leben lang hat sie irgendeinen Weg gesucht, der nun im hellen Sonnenlicht, und gar nicht mehr zu verfehlen, vor ihr liegt. Und das Herrlichste daran ist: er führt hinauf, mitten in die strahlende, blaue Höhe hinein, bis an die Sterne – so hoch –“. Bereits kurze Zeit später endet ihr Leben während eines Barrikadenkampfes auf tragische Weise.
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Als Triebfeder ihres Protestes wirkte bei Max und Siegfried Nacht das Gefühl der Empathie und das Bedürfnis, anderen zu helfen, auch hier wieder ein deutlicher Bezug zu ihrer Herkunftskultur und deren sozialen Werten. Die gesellschaftliche Verantwortung für das Wohlergehen und Lebensglück des Mitmenschen ist, ebenso wie auch bei anderen jüdischen AnarchistInnen, begründet in den lebensweltlichen Erfahrungen ihrer Abkunft, die sie gewissermaßen übertrugen in die anarchistische Sozialutopie. Die Brüder Max und Siegfried Nacht gingen dabei den Weg vieler RevolutionärInnen – nicht nur des des 20. Jahrhunderts: Angefangen vom radikalen, enthusiastischen Aufbruch und Optimismus der Jugendzeit hin zu einer abgeklärten gemäßigteren Haltung im Alter. Dem Prinzip des revolutionären Kampfes im Anarchismus konnten und wollten sie schließlich kaum noch etwas Emanzipatorisches abgewinnen. Die Hoffnung auf eine selbsttätige Erhebung der ‚Massen’ war längst erloschen. Auch wenn sie im Alter der revolutionären anarchistischen Perspektiven keinen Sinn mehr abzugewinnen vermochten, sind sie bis zuletzt Sympathisanten der Anarchie geblieben und haben uns ihre Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und dem Glück aller Menschen vererbt.
  
Für die talentierte Autorin möglicherweise sogar selbst überraschend, war das ausgesprochen positive Echo nach dem Erscheinen ihres Sozialromans „Die Anarchistin“ im Jahre 1924. Der Erfolg des Romans „Die Anarchistin“ erklärt sich wohl dadurch, dass das Buch als ein zeithistorisches Dokument gelesen und rezipiert wurde. Es richtete, ohne je den Anspruch zu erheben, eine fundierte Geschichtsschreibung ersetzen zu können und zu wollen, seinen Blick auf das oftmals traurige und triste Leben der ArbeiterInnenschaft. Zugleich beleuchtet es mit seiner Fokussierung auf den Vorkrieg, den Ersten Weltkrieg und die Revolution 1918/19 historische Ereignisse, die zum Zeitpunkt des Erscheinens von Jünemanns Roman erst wenige Jahre vergangen waren und daher viele ZeitgenossInnen noch unmittelbar bewegten.
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''Jochen Schmück''
  
 
==Inhalt==
 
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Version vom 18. Juli 2008, 09:21 Uhr

Die DadA-Buchempfehlung

Buchcover: 978-3-89771-455-7.jpg
Autor/en: Werner Portmann
Titel: Die wilden Schafe
Untertitel: Zwei radikale, jüdische Existenzen.
Editorial: Vorwort von Siegbert Wolf.
Verlag: Verlag Edition AV
Erscheinungsort: Lich/Hessen
Erscheinungsjahr: 2008
Umfang, Aufmachung: Originalverölffentlichung. Broschur. 163 Seiten, 6 Abb.
ISBN: (ISBN-13:) 978-3-89771-455-7
Preis: 14,00 EUR

Beschreibung

Werner Portmann will mit seinem Buch „Die wilden Schafe“ an zwei fast vergessene radikale jüdische Aktivisten und Theoretiker erinnern: Die Brüder Siegfried Shlomo Nacht, später Stephen Naft (1878-1956) und Max(imilian) Nacht, später Max Nomad (1881-1973). Sie entstammten einer wohlhabenden Familie aus dem ostgalizischen Buczacz und hatten in Galizien, in der Schweiz, in Frankreich, England und den USA ihre Hauptwirkungsfelder hatten. Mit dem vorliegenden Buch wird dokumentiert, wie entscheidend das jüdische Herkunftsmilieu und das jüdische soziale Umfeld ihr Leben und Wirken geprägt hat. Gemeinsam mit Emma Goldman, Milly Witkop-Rocker und anderen gehörten sie zur ersten Generation jüdischer AnarchistInnen, die für die produktive Begegnung zwischen Judentum und Anarchismus in Osteuropa verantwortlich zeichnet und diese Verbindung zwischen jüdischer Tradition und libertärer Utopie infolge millionenfacher Emigration nach Westeuropa, Palästina, Lateinamerika und in die USA transportiert hat. Ihre Texte, teilweise unter Pseudonym geschrieben, sind Bestandteil eines radikalen, gesellschaftskritischen Diskurses geblieben, der sich gegen jede Art von Herrschaft und Totalitarismus wendet. Der Diskurs, der anhand ihrer Schriften, z.B. über Formen der ‚Direkten Aktion‘, geführt wurde und wird, findet aber ohne Kenntnis der eigentlichen Geschichte und der biographischen Hintergründe der Verfasser statt. Denn bis heute sind ihre spannenden Lebensgeschichten nicht aufgearbeitet worden.

Dabei wird dokumentiert, wie Siegfried Nacht im deutschen Sprachraum einen wesentlichen Beitrag leistete zur Bekanntmachung und Verbreitung des revolutionären Syndikalismus, inspiriert von der spanischen und französischen syndikalistischen ArbeiterInnenbewegung. Ebenso wird die damit verbundene antimilitaristische Propaganda in verschiedenen Ländern untersucht. Das Buch thematisiert Siegfried Nachts Freundschaft mit Rudolf Rocker und dessen Einfluss auf ihn. Ebenso seine Rolle im Leben und Werk von Max Nettlau, dem er - wie auch sein Bruder Max - wichtige existentielle Hilfe leistete. Daneben wird Max Nachts Mitwirken bei der Verbreitung anarchistischer Ideen in Galizien und seine zeitweilige Arbeit im russischen Untergrund beleuchtet. Weiter geht das Buch auf Max Nachts, in späten Jahren entwickelten, "skeptischen Anarchismus" ein, der sich aus den Ideen des polnisch-russischen Revolutionärs Jan Waclav Makhaïski speist. Noch immer könnte dieser "skeptische Anarchismus" ein wichtiger Diskussionsbeitrag für alle diejenigen sein, die nicht ausschließen, dass die AnarchistInnen von heute die ChefInnen von morgen sein könnten und für die es keine heiligen Kühe der Kritik und Selbstkritik gibt. Max Nachts manchmal polemische Beurteilung des Anarchismus, gehört trotz aller Überzeichnungen bis heute zum Besten, Ehrlichsten und Radikalsten, was gegen den Anarchismus geschrieben wurde und zeugt von einer gewissen Hassliebe von einem, der sich längst nicht mehr als Anarchist verstand, aber im Innersten nie die Hoffnung auf eine herrschaftslose Gesellschaft aufgegeben hat.

Das Buch ist nicht zuletzt ein Versuch, sich den Beiden anhand ihrer jüdischen Identität oder Nicht-Identität zu nähern. Zweier Juden ohne Gott, die sich immer als Assimilisten betrachtet haben, die auf und in die jüdische Kultur keine große Hoffnung mehr setzten und trotzdem lebenslang im Disput mit dieser Kultur und ihren ExponentInnen standen und nie aufhörten, sich in ihrem Umfeld zu bewegen.

Als Triebfeder ihres Protestes wirkte bei Max und Siegfried Nacht das Gefühl der Empathie und das Bedürfnis, anderen zu helfen, auch hier wieder ein deutlicher Bezug zu ihrer Herkunftskultur und deren sozialen Werten. Die gesellschaftliche Verantwortung für das Wohlergehen und Lebensglück des Mitmenschen ist, ebenso wie auch bei anderen jüdischen AnarchistInnen, begründet in den lebensweltlichen Erfahrungen ihrer Abkunft, die sie gewissermaßen übertrugen in die anarchistische Sozialutopie. Die Brüder Max und Siegfried Nacht gingen dabei den Weg vieler RevolutionärInnen – nicht nur des des 20. Jahrhunderts: Angefangen vom radikalen, enthusiastischen Aufbruch und Optimismus der Jugendzeit hin zu einer abgeklärten gemäßigteren Haltung im Alter. Dem Prinzip des revolutionären Kampfes im Anarchismus konnten und wollten sie schließlich kaum noch etwas Emanzipatorisches abgewinnen. Die Hoffnung auf eine selbsttätige Erhebung der ‚Massen’ war längst erloschen. Auch wenn sie im Alter der revolutionären anarchistischen Perspektiven keinen Sinn mehr abzugewinnen vermochten, sind sie bis zuletzt Sympathisanten der Anarchie geblieben und haben uns ihre Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und dem Glück aller Menschen vererbt.

Jochen Schmück

Inhalt

<poem> Vorwort von Siegbert Wolf Danksagung

  • Die wilden Schafe
  • Jugend zwischen altem und neuem Glauben
  • Der Doktor aus Wien
  • Der rote Doktor
  • Wie der Sozialismus ins Schtetl kam
  • Kindheit sozialistischer Rebellen
  • Der Buczaczer Arbeiterbildungsverein
  • Wiener Studienjahre
  • Wie der Anarchismus nach Buczacz kam
  • Kampf der Sozialismen im Schtetl
  • Berliner Luft und Pariser Erleuchtung
  • Die Londoner Generalstreik-Verkünder
  • Umschau nach neuen Welten
  • Ein vermeintlicher Königsmeuchler auf Nordafrikareise
  • Die beschlagnahmte Freie Welt und die erzwungene Vagabondage
  • Der Weckruf
  • Amsterdam, Paris, Zürich - Prag oder Das Leben eines Wanderredakteurs
  • Zürich in Aufruhr
  • Herumschweifende Rebellen oder Nowhere at home
  • Neue Ideologien oder Wer ist der Radikalste im Land?
  • Gewaltige Worte
  • Freund und Feind
  • (Bildseiten)
  • Vom revolutionären Syndikalismus zum Anarchosyndikalismus
  • Die Wege trennen sich
  • Die Spitzelaffäre oder Arrivederci Roma
  • Over the sea
  • Von Rocker und Roller
  • Nomade der Gedanken
  • Lebensabend im neuen Anarchismus
  • Epilog oder Das Judentum von Zweien

Anhang

  • Abkürzungen
  • Bibliographie 1
  • Bibliographie II
  • Literaturverzeichnis
  • Personenregister



Über die Autorin

Maria Regina Jünemann wurde am 4. August 1888 in Frankfurt am Main geboren und wuchs als Tochter des Gymnasiallehrers August Jünemann und von Elisabeth, geb. Jans, wohlbehütet auf. Ihrer Begabung entsprechend, entschied sich Maria Regina Jünemann für ein Leben als Journalistin und Schriftstellerin. Vor dem Ersten Weltkrieg zählte Maria Regina Jünemann, ebenso wie ihre Schwester Igna Maria, zum Kreis um den katholischen Arbeiterpriester und Sozialreformer Carl Sonnenschein (1876-1929). Ihre prägenden sozialarbeiterischen Erfahrungen in jenen Jahren hat sie 1913 im Auftrag des katholischen „Sekretariats Sozialer Studentenarbeit“ in der ebenfalls von Sonnenschein gegründeten „Studentenbibliothek“ unter dem Titel „Meine Residenzarbeit“ veröffentlicht. Als Ort ihres sozialen Wirkens wählte sie Krefeld, „von wo sie auch in der Nachbarschaft gelegene soziale Einrichtungen aufsuchte. Die Eindrücke, die sie im Anschluss an ihre Besichtigungen, Versammlungsbesuche und bei ihrer eigenen Hilfstätigkeit empfangen hatte, fasste sie zu lose aneinandergereihten Stimmungsbildern zusammen.

Im Anschluss an ihre Theaterzeit, die sie in den Romanen „Kämpferinnen. Roman aus der Theaterwelt“ (1922) und „Der Thepiskarren. Geschichten vom Komödiantenvolk“ (1925) literarisierte - nicht zu vergessen ihr 1924 erschienener Sozialroman „Die Anarchistin“, - arbeitete Maria Regina Jünemann als Journalistin. Neben ihrer redaktionellen Tätigkeit an der Tageszeitung „Germania“, die am 31. Januar 1933 „gegen Hitlers Machtübernahme in aller Form“ protestierte, wirkte Maria Regina Jünemann von 1929 bis 1933 als Mitherausgeberin und Autorin der in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Gesunde Jugend. Zeitschrift für die geistige und körperliche Ertüchtigung der Jugend durch Erholungsfürsorge, Kinderaustausch, Landaufenthalt, Kinder- und Jugendheime, Ferienkolonien“. In der Zeit des Nationalsozialismus verflüchtigen sich ihre Spuren. Während Schwester Igna Maria Jünemann, „keineswegs linientreu“ , aufgrund nicht konformer Zeitungsartikel ein journalistisches Berufsverbot riskierte, verlegte Maria Regina Jünemann, inzwischen verheiratet mit dem Journalisten Dr. Rudolf Fischer, 1937 ihren Wohnsitz von Berlin nach Wien. In der Folge arbeitete sie einige Jahre in der Pressestelle der Deutschen Botschaft in Istanbul und Ankara. 1944 kehrte sie in die österreichische Hauptstadt zurück. Die Türkei, bis dato außenpolitisch neutral, brach damals die diplomatischen Beziehungen zu NS-Deutschland ab und erklärte Anfang 1945 Deutschland und Japan den Krieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte Maria Regina Jünemann weiter als Journalistin und lebte bis zum Tode ihres Lebensgefährten 1960 in Überlingen am Bodensee.


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