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| − | {| style="background-color:transparent;" | + | ===[[DadA-Buchempfehlung|Die DadA-Buchempfehlung]]=== |
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| − | |- | + | | Buchcover: || [[Bild:978-3-936049-92-3.jpg|250px]] |
| − | | width="85%" style="vertical-align:top" | | + | |---- valign="top" |
| − | <!-- ####################### LINKE SPALTE ########################### -->
| + | | Autor/en: || Werner Portmann. Vorwort von Siegbert Wolf. |
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| − | H E A D E R
| + | | Titel: || '''Die wilden Schafe'''. Zwei radikale, jüdische Existenzen |
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| − | <div style="margin: 0px 5px 5px 0; border: 1px solid #68A; padding: 0em 0em 0em 1em; background-color:#FFF8DC; font-size:125%">
| + | | Verlag: || [[Verlag Edition AV]] |
| − | [[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]
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| − | </div>
| + | | Erscheinungsort: || Lich/Hessen |
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| + | | Erscheinungsjahr: || 2008 |
| − | BEGINN LEXIKON-ARTIKEL
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| − | --> | + | | Umfang, Aufmachung: || Originalverölffentlichung. Broschur. 163 Seiten, zahlr. Abb. |
| − | <div style="margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0em 1em 1em 1em; background-color:white; font-size:90%">
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| | + | | ISBN: || (ISBN-13:) 978-3-89771-455-7 |
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| | + | | Preis: || 14,00 EUR |
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| − | [[Bild:Streiter_Arthur_Selbstportrait.jpg|thumb|right|240px|Artur Streiter (1905-1946), Selbstportrait.]]
| + | ==Beschreibung== |
| − | '''Artur Streiter''', geboren 17.01.1905 in Ruppin (Brandenburg), gestorben 10.10.1946 in Schönow (bei Berlin), war Maler, Auftragszeichner, Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker. Er gehörte zeitweilig der [[Freie Arbeiter Union Deutschlands (Anarcho-Syndikalisten)|FAUD]] an.
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| − | ==Biografie==
| + | Maria Regina Jünemanns nach über achtzig Jahren erstmals wieder vorgelegter Sozialroman „Die Anarchistin“ spielt zeitlich vor dem Ersten Weltkrieg und reicht bis zur Revolution 1918/19. Das Buch lässt ein Milieu lebendig werden, dass im besonderem Maße an den ungerechten Verhältnissen des wilhelminischen Kaiserreichs mit den schlimmen Folgen des Ersten Weltkriegs und der Niederlage der Revolution 1918/19 zu leiden hatte. |
| − | Streiter war Sohn eines Pferdehändlers, nach der Scheidung der Eltern lebte er zeitweilig bei Vater oder Mutter. Es ist ein frühkindliches Interesse am Zeichnen und Lesen überliefert. Mit dem Beginn einer Handwerkerlehre verließ Streiter noch als Jugendlicher sein Elternhaus. Er trat mit 16 Jahren der Berliner „Kommune Goldberg“ bei; dem wiederum folgte eine mehrmonatige Wanderung durch Deutschland mit einer Puppenspielertruppe namens „Iwowsky“. Der inzwischen nach Frankreich aufbrechenden Goldberg-Kommune kaufte Streiter 1926 zusammen mit seiner späteren Ehefrau Erna Mücke (Heirat 1927) eine schlichte Holzbehausung auf einem zu pachtenden Grundstück an der Bahnlinie Richtung Strausberg ab (ca. 40 km östlich von Berlin). Dieses (auch heute noch so genannte) „Rote Luch“ sollte Keimzelle einer größeren Siedlung werden und war bis 1930 Lebensmittelpunkt Streiters. Zu dieser Zeit verstand sich Streiter als Anarchist und Syndikalist. Er selbst schrieb über seine Kennzeichnung als „Anarchist“: „Es kommt ja nicht auf den Namen an, das ist ja unwesentlich!“ (Einlage zum Tagebuch v. 21.11.1930).
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| − | Er plante im „Roten Luch“ eine an [[Gustav Landauer]] und Leo Tolstoi als Vorbilder orientierte Gemeinschaft zu versammeln. Die Gefolgschaft von Freunden erwies sich jedoch als immer nur temporär. Das überlieferte Gästebesuch bezeugt Besuche u.a. von Gusto Gräser (dem bekannten „Wanderpropheten“) und Magnus Schwantje (Vorreiter der deutschen Vegetarierbewegung).
| + | Der Roman handelt von einer jungen Frau namens Irene aus proletarischem Milieu, dem sie zu entfliehen sucht. Sie stammt aus einer vielköpfigen Familie. Der Vater ist Bahnarbeiter. An ihre Kindheit hat sie nur schlechte Erinnerungen. Sie spricht von einer verprügelten, verhungerten Kindheit, „ein verlassenes, weltverlorenes armes Kind“. Fünfzehnjährig verdingt sie sich als ‚Laufmädchen’ in einem Modehaus und verkauft früh morgens am Bahnhof Zeitungen an ArbeiterInnen. Schließlich läuft sie von zu Hause weg und schlägt sich danach im Artistenmilieu als ‚Mädchen für alles’ durch. Doch auch jetzt fühlt sie sich vereinsamt und allein gelassen. |
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| − | Zu dieser Zeit entfaltete Streiter eine rege publizistische, literarische und bildkünstlerische Tätigkeit. Von den Honoraren seiner Veröffentlichungen – und später vom Verkauf seiner Bilder – konnte er allerdings eher schlecht denn recht leben; den Großteil des Unterhalts finanzierte seine Frau Erna mit ihrer Arbeit.
| + | Sie beginnt zu lesen - Bücher, in denen die Besitzenden und Herrschenden des Betrugs angeklagt werden, Bücher über den Anarchismus. Sie holt ihre Schulausbildung nach. Da ihr das Lernen leicht fällt, besteht sie die Reifeprüfung mit Auszeichnung. Diesem Abschnitt des Romans, einer Schlüsselstelle, räumt die Autorin breiten Raum ein. Irene versucht herauszufinden, ob es möglich ist, Klassenunterschiede durch gegenseitige Zuneigung, Liebe und persönliche Freundschaft zu überwinden. Ihre Antwort lautet: Nein! So bleibt der eigenwilligen Protagonistin, über die gesagt wird, sie sei „ein schwieriger Charakter“, nur der Weg einer Revolutionärin. Da ihr bewusst wird, dass eine Aufhebung der Klassenunterschiede im Kapitalismus unmöglich ist, kämpft sie fortan für eine solidarische, gerechte und tatsächlich freie Gesellschaft gleicher Menschen: „Einmal nicht mehr mit dem demütigenden Gefühl dasitzen, einmal wirklich dazuzugehören, das Leben mitleben und nicht immer mit verlangenden Augen und leeren Händen am Straßenrand stehen, wo die goldenen Karossen und die lachenden Menschen vorbeifahren...“ |
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| − | Seine Beiträge zur anarchosyndikalistischen Politik, Kultur und Literatur druckte vor allem „[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0001429.HTM Der Syndikalist]“, jedoch schrieb Streiter auch für andere Periodika des linken Spektrums, darunter auch heute kaum mehr bekannten oder sehr kurzlebigen Zeitschriften wie „Die Fackel. Blätter für junges Wollen“, „Die Gralsburg“ oder die anarchistische „[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0001742.HTM contra]“ (Wien). Streiters Illustrationen und Linolschnitte wurden relativ häufig in solchen Publikationen verwendet. Umfangreichere Schriften zur bildenden Kunst und zur Kulturgeschichte sowie Dichterporträts blieben ungedruckt. Teilweise auf eigene Erfahrungen auf der Landstraße rekurrierend, pflegt Streiter Kontakte zur Vagabundenbewegung der Weimarer Republik um Gregor Gog, arbeitet an dessen Zeitschrift „[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0001693.HTM Der Kunde]“ bzw. später „[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0001693.HTM Der Vagabund]“ mit und beteiligte sich 1929 an der Kunst-Ausstellung des Vagabundentreffens in Stuttgart. Später folgten weitere kleinere Ausstellungen in Berlin.
| + | Irene politisiert und radikalisiert sich, gerät in Kontakt mit einer Gruppe revolutionärer Studierender und entwickelt sich so zu einer anarchistischen Sozialrevolutionärin. Ihr Kampf gilt nun dem militaristischen und obrigkeitlichen deutschen Kaiserreich, dessen Aufrüstung und konkrete Kriegsvorbereitungen zum Ersten Weltkrieg 1914 führen, den die Antimilitaristin Irene mit allen Mitteln verhindern will. Wegen des Verteilens von Flugblättern, die zum Widerstand gegen das ‚Völkermorden’ aufrufen, wird sie schließlich unter dem Vorwurf des Landesverrates inhaftiert und erst zu Beginn der Revolution 1918/19 aus dem Gefängnis befreit. Beglückt über die revolutionären Ereignisse, ist ihr „auf einmal leicht und glücklich zumute. Ein Leben lang hat sie irgendeinen Weg gesucht, der nun im hellen Sonnenlicht, und gar nicht mehr zu verfehlen, vor ihr liegt. Und das Herrlichste daran ist: er führt hinauf, mitten in die strahlende, blaue Höhe hinein, bis an die Sterne – so hoch –“. Bereits kurze Zeit später endet ihr Leben während eines Barrikadenkampfes auf tragische Weise. |
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| − | Nach der Auflösung der Siedlung 1930 kehrte Streiter nach Berlin zurück und übte nach einer Ausbildung zum technischen Zeichner diesen Beruf während der 30er Jahre in einem größeren Kunstgewerbebetrieb aus, in dem auch seine Frau angestellt war. Wie seine Tochter Marianne Witt (Berlin) mitteilt, wurde Streiter 1936 aufgrund einer nachbarschaftlichen Denunziation von der Gestapo verhaftet; es war häufiger Besuch von „Russen und Juden“ gemeldet worden, im Hause Streiter hatten tatsächlich unter zahlreichen Freunden immer Gesprächsrunden zu philosophischen Themen etc. stattgefunden. Die genaue Dauer des Aufenthaltes in den einschlägigen Berliner Nazigefängnissen ist nicht feststellbar, jedoch ist überliefert, dass sich Streiter währenddessen seine TBC-Erkrankung zuzog; deshalb wurde er auch nicht zum Kriegsdienst einberufen. In einem Brief an Theodor Plievier berichtet Streiter 1945 von seinem Nachkriegs-Engagement in diversen Ehrenämtern bei der Ortsgruppe der KPD in Schönow. - Erna und Artur Streiter hatten zwei Kinder. Der frühe Tod der jüngeren Tochter hatte Streiters labile Gesundheit zusätzlich schwer belastet. Die Lungentuberkulose führte 1946 zu seinem Tode mit nur 41 Jahren.
| + | Für die talentierte Autorin möglicherweise sogar selbst überraschend, war das ausgesprochen positive Echo nach dem Erscheinen ihres Sozialromans „Die Anarchistin“ im Jahre 1924. Der Erfolg des Romans „Die Anarchistin“ erklärt sich wohl dadurch, dass das Buch als ein zeithistorisches Dokument gelesen und rezipiert wurde. Es richtete, ohne je den Anspruch zu erheben, eine fundierte Geschichtsschreibung ersetzen zu können und zu wollen, seinen Blick auf das oftmals traurige und triste Leben der ArbeiterInnenschaft. Zugleich beleuchtet es mit seiner Fokussierung auf den Vorkrieg, den Ersten Weltkrieg und die Revolution 1918/19 historische Ereignisse, die zum Zeitpunkt des Erscheinens von Jünemanns Roman erst wenige Jahre vergangen waren und daher viele ZeitgenossInnen noch unmittelbar bewegten. |
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| − | [[Bild:ArStStempel.jpg|thumb|left|240px|von Artur Streiter selbst angefertigter Namensstempel.]]
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| − | Streiter hat ein umfangreiches literarisches und bildkünstlerisches Werk hinterlassen, von dem letztlich nur wenig veröffentlicht bzw. ausgestellt wurde. Als Chronist seiner selbst, der seine eigenen Werke sorgfältig katalogisierte und in den umfänglichen Tagebüchern immer wieder reflektierte, erweist er sich als lesehungriger und schreibinteressierter Autodidakt, der frühzeitig mit den literarischen Größen bzw. mit bekannten Autoren seiner Zeit den brieflichen Kontakt suchte (so sind Briefe an und von Hermann Hesse, Thomas Mann, Alfons Paquet, Else Lasker-Schüler, Stefan Zweig überliefert). Kontakte pflegte Streiter auch zu Gleichgesinnten, so war er enger befreundet mit dem Kleinverleger Paul Heinzelmann (Pseud. u.a. Heinz Elm) und knüpfte so ein engmaschiges Netzwerk persönlicher, politischer und literarischer Beziehungen.
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| | + | ==Über die Autorin== |
| | + | '''Maria Regina Jünemann''' wurde am 4. August 1888 in Frankfurt am Main geboren und wuchs als Tochter des Gymnasiallehrers August Jünemann und von Elisabeth, geb. Jans, wohlbehütet auf. Ihrer Begabung entsprechend, entschied sich Maria Regina Jünemann für ein Leben als Journalistin und Schriftstellerin. Vor dem Ersten Weltkrieg zählte Maria Regina Jünemann, ebenso wie ihre Schwester Igna Maria, zum Kreis um den katholischen Arbeiterpriester und Sozialreformer Carl Sonnenschein (1876-1929). Ihre prägenden sozialarbeiterischen Erfahrungen in jenen Jahren hat sie 1913 im Auftrag des katholischen „Sekretariats Sozialer Studentenarbeit“ in der ebenfalls von Sonnenschein gegründeten „Studentenbibliothek“ unter dem Titel „Meine Residenzarbeit“ veröffentlicht. Als Ort ihres sozialen Wirkens wählte sie Krefeld, „von wo sie auch in der Nachbarschaft gelegene soziale Einrichtungen aufsuchte. Die Eindrücke, die sie im Anschluss an ihre Besichtigungen, Versammlungsbesuche und bei ihrer eigenen Hilfstätigkeit empfangen hatte, fasste sie zu lose aneinandergereihten Stimmungsbildern zusammen. |
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| − | ==Zum Werk==
| + | Im Anschluss an ihre Theaterzeit, die sie in den Romanen „Kämpferinnen. Roman aus der Theaterwelt“ (1922) und „Der Thepiskarren. Geschichten vom Komödiantenvolk“ (1925) literarisierte - nicht zu vergessen ihr 1924 erschienener Sozialroman „Die Anarchistin“, - arbeitete Maria Regina Jünemann als Journalistin. Neben ihrer redaktionellen Tätigkeit an der Tageszeitung „Germania“, die am 31. Januar 1933 „gegen Hitlers Machtübernahme in aller Form“ protestierte, wirkte Maria Regina Jünemann von 1929 bis 1933 als Mitherausgeberin und Autorin der in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Gesunde Jugend. Zeitschrift für die geistige und körperliche Ertüchtigung der Jugend durch Erholungsfürsorge, Kinderaustausch, Landaufenthalt, Kinder- und Jugendheime, Ferienkolonien“. In der Zeit des Nationalsozialismus verflüchtigen sich ihre Spuren. Während Schwester Igna Maria Jünemann, „keineswegs linientreu“ , aufgrund nicht konformer Zeitungsartikel ein journalistisches Berufsverbot riskierte, verlegte Maria Regina Jünemann, inzwischen verheiratet mit dem Journalisten Dr. Rudolf Fischer, 1937 ihren Wohnsitz von Berlin nach Wien. In der Folge arbeitete sie einige Jahre in der Pressestelle der Deutschen Botschaft in Istanbul und Ankara. 1944 kehrte sie in die österreichische Hauptstadt zurück. Die Türkei, bis dato außenpolitisch neutral, brach damals die diplomatischen Beziehungen zu NS-Deutschland ab und erklärte Anfang 1945 Deutschland und Japan den Krieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte Maria Regina Jünemann weiter als Journalistin und lebte bis zum Tode ihres Lebensgefährten 1960 in Überlingen am Bodensee. |
| − | Streiters Werk umfaßt Lyrik, Erzählprosa, Kritiken, Essayistik, Autobiographisches (Tagebücher) sowie Kunsthandwerkliches und Bilder. Neben einer einzigen (verschollenen) selbständigen Veröffentlichung hat Streiter eine Vielzahl von Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen publiziert, die mittlerweile bibliographisch erfaßt sind. Vieles ist ungedruckt geblieben und findet sich im Streiter-Nachlass des Fritz-Hüser-Instituts in Dortmund. Dieser ist durch ein Findbuch archivarisch erschlossen.
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| − | Bereits seine ersten Aufzeichnungen Mitte der 20er Jahre kreisen um die Themen Boheme und Vagabondage und markieren damit ein gesellschaftliches und politisches Interesse, das sich wie ein roter Faden durch Leben und Werk von Streiter zieht: die Orientierung an den Außenseitern, Geächteten, Parias der Gesellschaft, die sich – wie Streiter selbst – nicht anpassen wollen und die ein großes schöpferisches Potential in sich bergen und dieses freizusetzen suchen. So erklärt sich sein Interesse an großen Künstlerfiguren wie Vincent van Gogh und Friedrich Hölderlin, über die er umfangreiche unveröffentlicht gebliebene Arbeiten schrieb, und so erklärt sich auch eine Art Selbststilisierung zum Boheme-Dichter, der letzten Endes die Dichter-Tradition der deutschen Romantik, die ihn sehr beeindruckt, fortsetzt.
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| − | Die Figur des Vagabunden, die er in Wort und Bild gestaltet, ist Streiter wichtig als Subjekt von Opposition und sozialer Veränderung – hierin mit Positionen Erich Mühsams vergleichbar. Im „[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0001429.HTM Syndikalist]“ begrüßt er ausdrücklich zeitgenössische Vagabunden-Publikationen. Eine unveröffentlichte Kulturgeschichte der Vagabondage schlägt den historischen Bogen von François Villon und den fahrenden Scholaren bis zu den Vagabunden der 20er Jahre. Ein ausgesprochenes Dichterbewusstsein – Verehrung des großen schöpferischen Künstlers und Genies – zeigen auch seine zahlreichen Gedichte, die einerseits soziale und sozialrevolutionäre Sujets behandeln, sich andererseits aber auch unpolitisch geben und die nur zu einem kleinen Teil veröffentlicht worden sind.
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| − | Auch in Prosatexten und Bildern widmet sich Streiter dem Vagabunden-Thema. Daneben findet sich eine Fülle an Literaturkritik, die den Lesehunger des Autodidakten bezeugen. In seinen (gegenüber denjenigen mit literarisch-kultureller Thematik) nicht sehr zahlreichen politischen Artikeln charakterisiert Streiter die Existenz der Arbeiter als „Sklaverei“, Streik ist ihm ein legitimes Mittel zur proletarischen Revolution. Es sind jedoch weniger tagespolitische Fragen wie z.B. die Zensurdebatte und der Erste Weltkrieg, die ihn interessieren, sondern grundsätzliche ideologische Erörterungen. Die Auseinandersetzung mit der Figur Lenins ist hier besonders zu nennen, bei Streiter vor dem klaren Hintergrund seiner anarchistischer Ausrichtung.
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| − | In seinen Kritiken werden Kunst und Kultur von Streiter relativ neutral, nicht ‚parteilich’, gesehen, wenn auch Bücher in den zahlreichen Besprechungen zeitgenössischer und älterer Literatur manchmal konkret als geeignete „Lektüre für den jungen Arbeiter“ empfohlen werden.
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| − | Das bürgerliche Bild des familiären Zusammenhalts erfährt durch Streiter trotz seiner eher ablehnenden Haltung z.B. gegenüber der offiziellen Eheschließung besonders betonten Zuspruch. Die Frau soll nach Streiters Vorstellung die Rolle der Mutter einnehmen, kann sich jedoch durchaus auch an der Produktion in den Betrieben beteiligen. Die Kirche als Institution ist ein festes Feindbild Streiters, in ihrer Tradition von „Götzenhuldigung“ sieht er den korrumpierten Staatsapparat verwoben. Fluchtpunkt ist ein letzten Endes idealistisches Vertrauen auf die Macht von Dichtung und Kunst bei der Befreiung des Menschen, wobei eine christliche Grundidee stets spürbar bleibt.
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| − | Während der Zeit des Nationalsozialismus konnte Streiter gelegentlich publizieren, z.T. in gleichgeschalteten, z.T. in ausgesprochenen NS-Blättern, ohne dass freilich nationalsozialistische Propaganda aus seiner Feder bekannt wäre. Es sind ‚unpolitische’ Texte, beispielsweise über große Künstler und sogar Botanisches (über Kakteen). Nach 1945 engagierte sich Streiter publizistisch in der SBZ bzw. in Ost-Berlin.
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| − | ==Stellung im libertären Spektrum:==
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| − | Streiter war nach eigenen Aussagen Mitglied der [[Freie Arbeiter Union Deutschlands (Anarcho-Syndikalisten)|FAUD]], für deren „[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0001429.HTM Syndikalist]“ er 1926-1930 rund 90 Beiträge schrieb. Dabei ist er weniger Propagandist des Anarcho-Syndikalismus, was organisatorische oder i.e.S. gruppenspezifische Belange der FAUD angeht, sondern Verfechter eines libertären Denkens und Dichtens über organisatorische Strukturen hinaus. Vergleichbares gilt für die Vagabundenbewegung, der er sich eng verbunden fühlte. Sein Siedlungs-Experiment im „Roten Luch“ zeigt ihn in der anarchistischen Tradition des Siedlungsgedankens und der Kommunebildung hier und jetzt – der Einfluss Gustav Landauers ist unverkennbar. Streiters anarchistische Grundhaltung läßt sich an vielen einschlägigen Aussagen dieser Jahre ablesen: „Ich sage nicht: so wenig Staat als möglich, sondern betone: gar keinen Staat!“ („Bücherbesprechung“. In: Der Syndikalist 8, 1926, Beilage „Der Frauen-Bund“ zu Nr. 35 (28. Aug.), S. 4).
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| − | Besonders verbunden fühlte sich Streiter einer „Gruppe Landauer“ (wohl innerhalb der Berliner FAUD). Konflikte gab es mit der FAUD wegen ausbleibender Beitragszahlungen, vor allem aber – so zeigen seine Tagebuchaufzeichnungen – wegen wachsender Ressentiments gegenüber der Redaktion, vor allem gegenüber Helmut Rüdiger, der nicht alle Streiter-Manuskripte abdruckte. Dies führte zu wachsender Distanz der FAUD insgesamt gegenüber. Weshalb seine Tätigkeit für den „Syndikalist“ 1930 endete, ist bisher nicht bekannt.
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| − | Wichtige Zeugnisse für die Position innerhalb der anarchistischen und ‚alternativen’ Ideologielandschaft vor allem der späteren Weimarer Republik sind die unveröffentlichten Tagebücher (1925-36), die eine Fülle kulturhistorischer Informationen über Streiters künstlerisch-politisches Netzwerk, das er sich aufbauen konnte, bieten. Auch seine Korrespondenz offenbart ein Netzwerk mit kulturhistorisch und literarisch bedeutenden Persönlichkeiten, seine Texte und Textsammlungen sind aufschlussreich für den Zeitgeist einer linken libertären Gesinnung und die Verweigerung bestimmter gesellschaftlicher Normen während der Weimarer Republik. In Selbstreflexion und -zweifel über den anderthalb Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs später dann doch noch vollzogenen Beitritt zur KPD kristallisiert sich Streiters Haltung zum Anarchismus heraus.
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| − | ==Quellen und Sekundärliteratur==
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| − | ===Selbstständige Schriften===
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| − | * Artur Streiter: Der Kriegsverräter Heinz Elm-Mann. Zu den Versen eines Soldaten. Berlin-Steglitz: Werk-Tat-Presse, 1932 [Privatdruck; Exemplar bisher nicht nachgewiesen; Nachdruck u.d.T.: Zu den Versen eines Soldaten. In: Heinz Elmann: Das Leichenfeld. Kriegsverse 1915-1918. Mit einer Einleitung von Arthur Streiter. Fürstenfeldbruck: Steinklopfer-Verlag, 1957 (=Steinklopfer-Reihe), S. 9-26
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| − | * Artur Streiter: Wanderungen im Lande des Chinesen Dschu ang dsi. Berlin: Steinklopfer Verlag, 1933 [Privatdruck; Titelblatt: TAO; Notiz am Buchende: „Diese schrift ist ein manuskript-sonder-druck aus: TAO oder das gelbe Buch vom Sinn]
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| − | ===Nachlass===
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| − | Der Nachlass wird aufbewahrt im Fritz-Hüser-Institut, Dortmund.
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| − | * '''Findbuch zum Nachlass:''': Artur Streiter. Schriftsteller, Maler, Zeichner, Kunsthandwerker 1905-1946. Findbuch. Bearbeitet von Walter Fähnders. Dortmund: Fritz-Hüser-Institut, 2007. ([http://www.fhi.dortmund.de/upload/binarydata_do4ud4cms/36/57/13/00/00/00/135736/Findbuch_Streiter_2007.pdf Download als PDF-Dokument])
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| − | ===Bibliographie ===
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| − | * Walter Fähnders: Artur Streiter-Bibliografie. In: Nomadische Existenzen. Vagabondage und Boheme in Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts. Mit einer Artur Streiter-Bibliographie. Hrsg. Walter Fähnders. Essen: Klartext, 2007 (Schriften des Fritz-Hüser-Instituts 16), S. 131-148. ([[Nomadische_Existenzen|DadA-Buchempfehlung]])
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| − | ===Forschungsliteratur===
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| − | * Walter Fähnders: Artur Streiter – Biografie, Werkgeschichte, Nachlass. Vorwort zu: Artur Streiter. Schriftsteller, Maler, Zeichner, Kunsthandwerker 1905-1946. Findbuch. Bearbeitet von Walter Fähnders. Dortmund: Fritz-Hüser-Institut, 2007, S. III-VII. http://www.fhi.dortmund.de
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| − | * Walter Fähnders: Walter Fähnders: Vagabondage und Vagabundenliteratur. In: Nomadische Existenzen. Vagabondage und Boheme in Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts. Mit einer Artur Streiter-Bibliographie. Hrsg. Walter Fähnders. Essen: Klartext, 2007 (Schriften des Fritz-Hüser-Instituts 16), S. 33-54.
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| − | * Henning Zimpel: Artur Streiter und seine kulturhistorische Bedeutung in der Zeit der Weimarer Republik. Staatsexamensarbeit, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 2007 [Masch.].
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| − | '''Autoren: Henning Zimpel/[[Benutzer:Walter_F|Walter Fähnders]]'''
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| − | {{Copyright}}
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| − | '''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]'''
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| − | <!-- ENDE LEXIKON-ARTIKEL -->
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| − | <!-- ####################### ENDE LINKE SPALTE - ENDE ARTIKEL ####################### -->
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| − | <!-- ####################### BEGINN RECHTE SPALTE - WERBEBANNER ########################### -->
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| − | ANFANG WERBEBANNER
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| − | <div align="center" style="margin:0; margin-top:0px; border:1px solid #68A; padding:0em 1em 1em 1em; background-color: #ECF7FF; font-size:75%">
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| − | <big>Werbung</big>
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| − | [[Bild:978-3-89861-814-4.gif|120px]]
| + | '''[[DadA-Buchempfehlung|Die DadA-Buchempfehlung]]''' |
| − | | + | __NOTOC__ |
| − | '''Nomadische Existenzen''' <br> | |
| − | Vagabondage und Boheme in Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts. Mit einer Artur-Streiter-Bibliographie. <br>
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| − | KLARTEXT-Verlag 2007, 152 Seiten, ISBN-13: 978-3-89861-814-4. 19,90 €<br>
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| − | [http://www.klartext-verlag.de/?e1=6&e2=19&single=1&isbn=9783898618144 Direktbestellung] | |
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| − | [[Bild:3939045004.jpg|120px]]
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| − | '''Anarchismus - Theorie, Kritik, Utopie'''<br>
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| − | Hrsg. von Achim von Borries und Ingeborg Weber-Brandies. Verlag Graswurzelrevolution, 2007. Bearb. Neuauflage. 425 Seiten. ISBN-13: 978-3-939045-00-7. 22,80 €<br>
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| − | [http://www.graswurzel.net/verlag/a.shtml Direktbestellung]
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| − | [[Bild:978-3-926880-17-8.gif|120px]]
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| − | '''Uwe Timm <br>Verlorene Kindheit - Errungene Freiheit''' <br>
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| − | Biografie eines unbequemen Libertären. <br>
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| − | OPPO Verlag, 2007. 208 Seiten. ISBN-13: 978-3-926880-17-8. 19,00 €<br>
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| − | [http://mecopo.de/clients/oppo/978-3-926880-17-8.htm Direktbestellung]
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| − | <!-- ####################### ENDE RECHTE SPALTE ####################### -->
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| Buchcover: |
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| Autor/en: |
Werner Portmann. Vorwort von Siegbert Wolf.
|
| Titel: |
Die wilden Schafe. Zwei radikale, jüdische Existenzen
|
| Verlag: |
Verlag Edition AV
|
| Erscheinungsort: |
Lich/Hessen
|
| Erscheinungsjahr: |
2008
|
| Umfang, Aufmachung: |
Originalverölffentlichung. Broschur. 163 Seiten, zahlr. Abb.
|
| ISBN: |
(ISBN-13:) 978-3-89771-455-7
|
| Preis: |
14,00 EUR
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Beschreibung
Maria Regina Jünemanns nach über achtzig Jahren erstmals wieder vorgelegter Sozialroman „Die Anarchistin“ spielt zeitlich vor dem Ersten Weltkrieg und reicht bis zur Revolution 1918/19. Das Buch lässt ein Milieu lebendig werden, dass im besonderem Maße an den ungerechten Verhältnissen des wilhelminischen Kaiserreichs mit den schlimmen Folgen des Ersten Weltkriegs und der Niederlage der Revolution 1918/19 zu leiden hatte.
Der Roman handelt von einer jungen Frau namens Irene aus proletarischem Milieu, dem sie zu entfliehen sucht. Sie stammt aus einer vielköpfigen Familie. Der Vater ist Bahnarbeiter. An ihre Kindheit hat sie nur schlechte Erinnerungen. Sie spricht von einer verprügelten, verhungerten Kindheit, „ein verlassenes, weltverlorenes armes Kind“. Fünfzehnjährig verdingt sie sich als ‚Laufmädchen’ in einem Modehaus und verkauft früh morgens am Bahnhof Zeitungen an ArbeiterInnen. Schließlich läuft sie von zu Hause weg und schlägt sich danach im Artistenmilieu als ‚Mädchen für alles’ durch. Doch auch jetzt fühlt sie sich vereinsamt und allein gelassen.
Sie beginnt zu lesen - Bücher, in denen die Besitzenden und Herrschenden des Betrugs angeklagt werden, Bücher über den Anarchismus. Sie holt ihre Schulausbildung nach. Da ihr das Lernen leicht fällt, besteht sie die Reifeprüfung mit Auszeichnung. Diesem Abschnitt des Romans, einer Schlüsselstelle, räumt die Autorin breiten Raum ein. Irene versucht herauszufinden, ob es möglich ist, Klassenunterschiede durch gegenseitige Zuneigung, Liebe und persönliche Freundschaft zu überwinden. Ihre Antwort lautet: Nein! So bleibt der eigenwilligen Protagonistin, über die gesagt wird, sie sei „ein schwieriger Charakter“, nur der Weg einer Revolutionärin. Da ihr bewusst wird, dass eine Aufhebung der Klassenunterschiede im Kapitalismus unmöglich ist, kämpft sie fortan für eine solidarische, gerechte und tatsächlich freie Gesellschaft gleicher Menschen: „Einmal nicht mehr mit dem demütigenden Gefühl dasitzen, einmal wirklich dazuzugehören, das Leben mitleben und nicht immer mit verlangenden Augen und leeren Händen am Straßenrand stehen, wo die goldenen Karossen und die lachenden Menschen vorbeifahren...“
Irene politisiert und radikalisiert sich, gerät in Kontakt mit einer Gruppe revolutionärer Studierender und entwickelt sich so zu einer anarchistischen Sozialrevolutionärin. Ihr Kampf gilt nun dem militaristischen und obrigkeitlichen deutschen Kaiserreich, dessen Aufrüstung und konkrete Kriegsvorbereitungen zum Ersten Weltkrieg 1914 führen, den die Antimilitaristin Irene mit allen Mitteln verhindern will. Wegen des Verteilens von Flugblättern, die zum Widerstand gegen das ‚Völkermorden’ aufrufen, wird sie schließlich unter dem Vorwurf des Landesverrates inhaftiert und erst zu Beginn der Revolution 1918/19 aus dem Gefängnis befreit. Beglückt über die revolutionären Ereignisse, ist ihr „auf einmal leicht und glücklich zumute. Ein Leben lang hat sie irgendeinen Weg gesucht, der nun im hellen Sonnenlicht, und gar nicht mehr zu verfehlen, vor ihr liegt. Und das Herrlichste daran ist: er führt hinauf, mitten in die strahlende, blaue Höhe hinein, bis an die Sterne – so hoch –“. Bereits kurze Zeit später endet ihr Leben während eines Barrikadenkampfes auf tragische Weise.
Für die talentierte Autorin möglicherweise sogar selbst überraschend, war das ausgesprochen positive Echo nach dem Erscheinen ihres Sozialromans „Die Anarchistin“ im Jahre 1924. Der Erfolg des Romans „Die Anarchistin“ erklärt sich wohl dadurch, dass das Buch als ein zeithistorisches Dokument gelesen und rezipiert wurde. Es richtete, ohne je den Anspruch zu erheben, eine fundierte Geschichtsschreibung ersetzen zu können und zu wollen, seinen Blick auf das oftmals traurige und triste Leben der ArbeiterInnenschaft. Zugleich beleuchtet es mit seiner Fokussierung auf den Vorkrieg, den Ersten Weltkrieg und die Revolution 1918/19 historische Ereignisse, die zum Zeitpunkt des Erscheinens von Jünemanns Roman erst wenige Jahre vergangen waren und daher viele ZeitgenossInnen noch unmittelbar bewegten.
Über die Autorin
Maria Regina Jünemann wurde am 4. August 1888 in Frankfurt am Main geboren und wuchs als Tochter des Gymnasiallehrers August Jünemann und von Elisabeth, geb. Jans, wohlbehütet auf. Ihrer Begabung entsprechend, entschied sich Maria Regina Jünemann für ein Leben als Journalistin und Schriftstellerin. Vor dem Ersten Weltkrieg zählte Maria Regina Jünemann, ebenso wie ihre Schwester Igna Maria, zum Kreis um den katholischen Arbeiterpriester und Sozialreformer Carl Sonnenschein (1876-1929). Ihre prägenden sozialarbeiterischen Erfahrungen in jenen Jahren hat sie 1913 im Auftrag des katholischen „Sekretariats Sozialer Studentenarbeit“ in der ebenfalls von Sonnenschein gegründeten „Studentenbibliothek“ unter dem Titel „Meine Residenzarbeit“ veröffentlicht. Als Ort ihres sozialen Wirkens wählte sie Krefeld, „von wo sie auch in der Nachbarschaft gelegene soziale Einrichtungen aufsuchte. Die Eindrücke, die sie im Anschluss an ihre Besichtigungen, Versammlungsbesuche und bei ihrer eigenen Hilfstätigkeit empfangen hatte, fasste sie zu lose aneinandergereihten Stimmungsbildern zusammen.
Im Anschluss an ihre Theaterzeit, die sie in den Romanen „Kämpferinnen. Roman aus der Theaterwelt“ (1922) und „Der Thepiskarren. Geschichten vom Komödiantenvolk“ (1925) literarisierte - nicht zu vergessen ihr 1924 erschienener Sozialroman „Die Anarchistin“, - arbeitete Maria Regina Jünemann als Journalistin. Neben ihrer redaktionellen Tätigkeit an der Tageszeitung „Germania“, die am 31. Januar 1933 „gegen Hitlers Machtübernahme in aller Form“ protestierte, wirkte Maria Regina Jünemann von 1929 bis 1933 als Mitherausgeberin und Autorin der in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Gesunde Jugend. Zeitschrift für die geistige und körperliche Ertüchtigung der Jugend durch Erholungsfürsorge, Kinderaustausch, Landaufenthalt, Kinder- und Jugendheime, Ferienkolonien“. In der Zeit des Nationalsozialismus verflüchtigen sich ihre Spuren. Während Schwester Igna Maria Jünemann, „keineswegs linientreu“ , aufgrund nicht konformer Zeitungsartikel ein journalistisches Berufsverbot riskierte, verlegte Maria Regina Jünemann, inzwischen verheiratet mit dem Journalisten Dr. Rudolf Fischer, 1937 ihren Wohnsitz von Berlin nach Wien. In der Folge arbeitete sie einige Jahre in der Pressestelle der Deutschen Botschaft in Istanbul und Ankara. 1944 kehrte sie in die österreichische Hauptstadt zurück. Die Türkei, bis dato außenpolitisch neutral, brach damals die diplomatischen Beziehungen zu NS-Deutschland ab und erklärte Anfang 1945 Deutschland und Japan den Krieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte Maria Regina Jünemann weiter als Journalistin und lebte bis zum Tode ihres Lebensgefährten 1960 in Überlingen am Bodensee.
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